Fick dich pädagogisch wertvoll

26 Mrz
26. März 2016

Im Internet gibt es allerlei Inhalte. Lustige Katzenvideos, Fotos der Perfektion, Freunde in sozialen Netzwerken, lesenswertes Wissen und Pornos. Natürlich eigentlich viel mehr als das. Manche Zungen behaupten jedoch, dass sogar rund 30% des Traffics im Netz auf Pornografie entfallen. Nicht gerade pädagogisch wertvolle Inhalte für unsere Jungend – mag man meinen. Dabei sollte die Jugend die Möglichkeiten des modernen Mediums doch für sich zu nutzen wissen. Aber was machen sie stattdessen? Sie landen bei diesen YouTubern mit ihren Videos. Ein schönes Hobby was sich der heranwachsende Teil der Gesellschaft da gesucht hat, um die Zeit tot zu schlagen. Als sei dies eine pädagogisch wertvolle Nutzung des Internets.

Ich hatte vergangenes Jahr persönlich die Freude den Ausdruck pädagogisch wertvoll diverse Male zu hören. Auslöser dafür war der, von mir von August 2014 bis Februar 2015 produzierte, YouTube Kanal SoBehindert, der letztlich auch mit dem Pädi (Der pädagogische Interaktiv-Preis), der das Prädikat pädagogisch wertvoll trägt, ausgezeichnet wurde. In den Videos des Kanals erzählte und erklärte ich einiges rund um das Thema Behinderung auf eine lockere und humorvolle Art, mit der Absicht damit Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen. Hat schon geklappt, würde ich sagen, wenn ich auf die über 260.000 Views der Videos blicke. Was ich mit diesem Kanal jedoch nicht explizit wollte, ist pädagogisch wertvollen Inhalt zu produzieren. Hey, ich bin auch nur so ein junger Typ, der lustige Videos machen und sich mit der Technik dahinter beschäftigen wollte. Jedoch habe ich halt eine kleine körperliche Einschränkung, die man vor der Kamera wahrnimmt, weshalb sich das Thema anbot.

Blickt man jedoch auf das bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen momentan wohl aufstrebendste moderne Medium, Videos auf YouTube, die von rund 90% der 12 bis 19-jährigen wöchentlich angesehen werden, so sieht man auf dieser Plattform viel Inhalt mit dem die ältere Generation – und da reden wir vom Alter 25+ – gar nicht mehr erst etwas anfangen kann. Das ist unlustiges, nerviges und unverständliches Zeug hört man öfter. Und sinnvolle Inhalte gäbe es kaum. Wo man zustimmen muss, ist dass wirkliche Wissensinhalte eine deutlich geringere Reichweite im deutschsprachigen YouTube hat als unterhaltende Videos. MrWissen2go sollte mit rund 300.000 Abonnenten einer der größten (richtigen) Wissensvermittler sein. Dem gegenüber steht mit dem aktuell größten Kanal in Deutschland Gronkh mit über 4.000.000 Abonnenten, die sich mit Let’s Plays unterhalten lassen. Jedoch ist das nicht verwunderlich, denn für viele Jugendliche ist YouTube wie das Fernsehen für die ältere Generation. Während sich Jugendliche noch vor wenigen Jahren nach der Schule vor den Fernseher bewegten, so schauen sie ihre YouTuber heutzutage online an. Serien (in der Regel Formate genannt), die täglich, alle paar Tage oder wöchentlich auf den YouTube Kanälen laufen. Wenn die Frage aufkommt warum sich die Jugendlichen weniger sinnvolle Videos, sondern Let’s Plays, Beauty Videos, Comedy Clips, Vlogs oder Meinungsblogger ansehen, stelle ich immer gerne eine Gegenfrage: „Wenn du vom Büro nachhause kommst, möchtest du dann lieber eine unterhaltsame Komödie sehen, oder dir jeden Abend eine Dokumentation rein ziehen?“ Die Frage sollte fast schon eine rhetorische Frage sein. Dazu sei außerdem zu bedenken, dass Jugendliche sich in einer Entwicklungsphase ihres Lebens befinden in der sich ihre Persönlichkeit stark entwickelt, das Thema Sexualität erstmals eine Rolle spielt und Vorbilder, abseits der Eltern, gesucht werden. Diese finden die meisten Jugendlichen nicht in trockenen Wissensvideos, sondern bei Persönlichkeiten, welche die Videos der oben genannten Genres ausmachen.

Und solche YouTuber erobern immer mehr auch andere Medien. So spielte mit Bruder vor Luder vergangenes Jahr ein Film in den Kinos, der mit dem YouTube Duo DieLochis in der Hauptrolle produziert wurde. Der Film ist eine klassische Teenie-Comedy, bei der so gut wie alle Handlungsstränge vorhersehbar sind, die Storys sehr oberflächlich erzählt werden und mit klischeehaften Rollenbildern hantiert wird. Inhaltlich also ein Film, wie man ihn in diesem Genre erwarten kann. Jedoch ist der Film, abgesehen von der technisch exzellenten Umsetzung, zielgruppengerecht gestaltet, schafft eine tolle Verschmelzung von Webvideo- und Kinoerlebnis, und ist nicht zuletzt für alle DieLochis-Fans ein Erlebnis. So weit, so gut. Doch das sind zwei YouTuber, weshalb nicht nur bei den klischeehaften Rollenbildern der Finger erhoben wird, sondern dies auf die Verantwortung der Webvideo Macher gegenüber ihrer Zielgruppe übergewälzt wird, was vielerorts in der Presse zu lesen ist. Der Artikel von Alex im Webvideo Magazin Broadmark bringt es inhaltlich auf den Punkt: „[Es] gibt leider zahlreiche Szenen, bei denen man sich als erwachsener Zuschauer nur an die Stirn fassen und den Kopf schütteln kann[.] […] Während gerade pubertierende Teenager vermutlich trotzdem herzlich darüber lachen können, bleibt ein fader Nachgeschmack: Pädagogisch wertvoll ist das nicht.“

Bei derartigen Beschreibungen des Films, genauso wie bei der Art in der über die Szene in meist klassischen Medien berichtet wird, denke ich mir nur: Fick dich pädagogisch wertvoll. Natürlich im jugendsprachlichen Sinne, und nicht wörtlich zu nehmen. Aber mal ernsthaft, wer sich mit den Inhalten, in dem Fall der beiden Jungs, auf YouTube auseinandersetzt, der wird merken, dass diese nicht weniger mit Rollenbildern, klaren Marketingabsichten und Inhalten arbeiten, die nicht das Prädikat pädagogisch wertvoll erhalten würden.

YouTuber haben heutzutage Interesse daran Einfluss auf Jugendliche und junge Erwachsene auszuüben, jedoch genauso daran mit ihrem Job – YouTube Videos zu produzieren – auch Umsätze zu generieren. Diese beiden Interessen sind nicht selten konkurrierend, da Inhalt, der nur auf einen Mehrwert aus ist bedeutend weniger unterhaltsam und somit weniger interessant für die Zuschauer ist. Und dennoch tragen die gesehenen Inhalte zur Persönlichkeitsentwicklung und nicht zuletzt zur Meinungsbildung des einzelnen Jugendlichen bei. Und das ist gut so.

Ich denke, dass die Fernsehserien von früher genauso wie die YouTuber von heute unsere Jugendlichen nicht verderben werden – genauso wenig wie Pornos, ein Teil der heutigen Jugendkultur – sondern, dass sich die meisten Jugendlichen mittelfristig ihre eigenen Ansichten aus dem was sie sehen bilden und sich entsprechend ihre Persönlichkeit formt, selbst wenn es nicht pädagogisch wertvolle Inhalte sind.

Also, fickt euch pädagogisch wertvolle Inhalte, und lass uns manchmal auch noch unseren Spaß haben. Okay?

Quellen: Erfahrungswerte aus über einem Jahr Aktivität auf YouTube, Bauer Media Group via Statista
Dir hat der Artikel gefallen?
Teile ihn mit deinen Freunden!
3 Antworten
  1. Franz says:

    Hi Jan,
    ich oute mich mal als Mitglied er „älteren Generation (+25) – ich gehe stramm auf die 50 zu. Ich erschrecke mich auch, wenn ich das so schreibe. Na ja, macht nix, muss ich mit klarkommen. Ich bin tatsächlich aus der Sicht der „jüngeren Generation“ reichlich konservativ. Das merke ich regelmäßig bei Diskussionen/Konflikten/Gesprächen mit meinen Kindern. Bei dem im Internet häufig üblichen Schreibstil, der Vernachlässigung jeglicher Rechtschreibung, dem Vokabular schüttle ich häufig den Kopf; manchmal möchte ich nur weglaufen. Ich kann mit Youtube wenig anfangen, ich bin wohl zu alt. Ich lese auch viel lieber Deine Blogeinträge und Tutorials zum Raspberry Pi, als mit irgendwelche Tutorials auf Youtube anzuschauen. Aber ich will mich bemühen, den Hang zu Youtube wenigstens etwas nachvollziehen zu können – verstehen werde ich das wohl nie. Ja, ich fürchte, Du hast Recht. Es kann und muss nicht alles pädagogisch wertvoll sein. Auch Sinnloses kann Spaß machen 🙂

    Einen frohen Restostermontag wünscht

    der Franz

    Antworten
  2. Dunja Freifrau von Stockhausen says:

    Diese „Kommentare“ lassen mich doch etwas ratlos zurück. Ich habe den Eindruck, daß ein irgendwie pubertierender Charakter etwas „loswerden“ will, was sonst nicht loszuwerden ist. Ich finde, daß derjenige, der „stramm auf die 50 zugeht“ einfach seine Klappe halten und noch ältere Personen mit seinen unsäglichen Sottisen nicht drangsalieren sollte.
    Mir gehen diese altklugen, aber vollverblödeten „Versteher“ einer Zeit, die nicht die ihre ist, wirklich auf den allgegenwärtigen „Sack“.

    Antworten
  3. Franz says:

    Oh oh. Wer drangsaliert denn hier irgendwelche Leute? Ich glaube, Du hast das etwas missverstanden. Und den Mund verbieten lasse ich mir schon gar nicht.

    Antworten

Antworten

Kommentar verfassen

JanKarres.de © 2007-2018