Die Radikalisierung von Social Media

03 Mrz
3. März 2017

Erinnert ihr euch noch an 2008? Es war eine Zeit in der viele von uns von Lokalisten, Wer kennt wen und den VZ-Netzwerken zu Facebook strömten. Es war eine Zeit, in der es cool war, bei einem Social Network dabei zu sein. Und es war eine Zeit, in der man das Gefühl haben konnte, als sei im Neuland des zunehmend populär werdenden Social Webs die Welt noch in Ordnung. Heute, über acht Jahre später, glaube ich auf einem metaphorischen Schlachtfeld gelandet zu sein, wenn ich in meinem Browser Facebook, Twitter oder gar YouTube öffne. Ein gedanklicher Rückblick.

Durfte man im Alter von 12 Jahren bereits bei Lokalisten, dem damals führenden Freundesnetzwerk für Süddeutsche Nutzer, angemeldet sein? Ich war es zumindest. Um den digitalen Status seiner Freunde zu sehen, schaltete man seinen Computer an, loggte sich mit E-Mail-Adresse und Passwort ein und sah in einer Oberfläche, die heute selten einfach und angestaubt zugleich wirken würde, was für persönliche Nachrichten Menschen aus dem eigenen Umfeld hinterließen. An den Griff zum Smartphone, um mit jedem jederzeit zu texten war zu dieser Zeit noch nicht zu denken, denn das erste Apple iPhone erschien erst wenige Monate zuvor und war ein Gerät für hippe Exoten, die mit EDEG Speed mehr durch das Internet warteten als auf einer Welle zu surfen.

Ebenso 2008 war der US-Wahlkampf zwischen Obama und McCain, in dem Twitter eine nicht unbedeutende Rolle einnehmen sollte, sodass es auch in Deutschland bekannt wurde. Damals konnten weniger als 30 Millionen Nutzer den ersten Wahlkampf 2.0 verfolgen, während heute über 300 Millionen Menschen aktiv die Plattform nutzen. Twitter stand in meinen Augen lange für eine Plattform, auf der politischer Diskurs stattfindet – neben den Tweets, in denen ein Mensch mitteilt wie sein Brötchen schmeckte.

Und das damals erst drei Jahre alte YouTube war in seinen Kinderschuhen. Die größeren Neuerungen aus dem Jahr 2008 war die Einführung von 720p HD Video und die Umstellung vom 4:3- zu 16:9-Format. Kann sich noch jemand vorstellen jeden Tag 4:3-Videos in 480p anzusehen? Macht das mal, um ein Gefühl dafür zu bekommen, über welches Internet wir hier fast schon nostalgisch denken, das vor weniger als zehn Jahren so existierte.

Lange war ich nur ein bedingter Freund von Social Media. Bis ich diesen Blog eröffnete schaute ich pingelig genau darauf, dass kein Bild von mir (dauerhaft) im Netz war. Blub100. Das was der Nickname, unter dem ich im Netz lebte, denn mehr als notwendig oder gar den echten eigenen Namen preisgeben erschien mir nicht sinnvoll. Im Laufe der Jahre wandelte sich diese Einstellung, und mit diesem Blog sahen erstmals mir unbekannte Menschen über das Netz das Gesicht eines damals 16-Jährigen. Mit meinem YouTube Kanal SoBehindert wagte ich einen weit größeren Schritt und präsentierte mich, einen Teil meiner Gedanken und einiges drum herum in Farbe und Bewegtbild in diesem Netz. Damit habe ich über die Projekte und Plattformen hinweg über 20.000 Follower (unbereinigt) aufgebaut. In heutigen Zeiten eine kleine Zahl. Jedoch eine Erfahrung, die mich Social Media aus der Perspektive des Content produzierenden betrachten ließ.

Bis 2015 habe ich regelmäßig alle Kanäle versucht zu befüttern – und das teils mit großer Freude. 2016 wurde dies sukzessive weniger. Und heute, 2017, habe ich seit einigen Monaten nicht mehr nur Twitter als einziges Social Network noch auf meinem Smartphone, sondern habe dieses in den vergangenen vier Wochen kaum noch verwendet, da die Priorität in meinem Leben momentan auf etwas anderem liegt.

So öffnete ich gestern nicht nur Twitter, sondern auch Facebook und auch auf dem roten Riesen YouTube brach ich mal wieder aus meiner mittlerweile doch sehr kleinen Filterblase aus, um mal wieder etwas von dem mitzubekommen, was einem die Social Media Algorithmen darbieten. Und sie boten mir ein Schlachtfeld der Aufmerksamkeitssuche mit PoPPiGen ThUmbNailS auf denen Dinge zu sehen sind, welche nicht Bestandteil des Videos sind, CAPSLOCK CLICKBAIT TITEL, die aus einer Mücke einen Elefanten zaubern, und call-to-INTERACTIONS, bevor ich den Content überhaupt erst sah, was nur die Spitze es Eisbergs war.

Erinnert ihr euch noch an 2008? Das war eine Zeit in der man auf Facebook mit Freunden seine persönlichen Urlaubsbilder – direkt aus der Kamera, ohne Filter und Photoshop – teilte. Erinnert ihr euch noch an 2011? Das war die Zeit in der YTITTY auf YouTube sich eine Millionenreichweite mit Videos aufbaute, deren Titel weder in CAPSLOCK geschrieben waren, noch aus einer Mücke einen Elefanten machte. Erinnert ihr euch noch an 2014? Das war eine Zeit in der heftig.co mit Clickbait Titeln innerhalb weniger Monate eine höhere Share-Rate als Bild.de auf Facebook erreichte und deren Inhalte moralisch wirklich noch hinterfragt wurden.

Heute, wir schreiben das Jahr 2017, findet man auf Facebook eine Timeline mit Superlativen aus Schall und Rauch vor, in der eine die nächste jagt, auf Twitter hat man das Gefühl, man sei im Epizentrum des umgangssprachlichen Beefs gelandet (und im Reich eines US-Präsidenten, der die Manipulation über Twitter perfektioniert zu haben scheint), und auf YouTube wird der Beef mit DEN KRASSESTEN BRÜSTE BEGRAPSCH TITELN inszeniert. Man stellt hinter den Kulissen lieber nicht die Frage, ob diese natürliche Elefanten große Fliegen sind, oder ob sie eine geplante Cross-Promotion war, denn die Antwort ist zu häufig ernüchternd unsinnig. Und mit Instagram fang ich an dieser Stelle gar nicht erst an, denn dort bin ich bereits zu früh vom Zug gesprungen.

Wir leben in einem Jahr in dem Social Media für mich langsam aber sicher zum Inbegriff von Aufmerksamkeit um jeden Preis wird. Radikalere Titel, Thumbnails und andere Content Elemente bedeutet mehr Klicks, bis die Konkurrenz mitgezogen hat. Dann muss es noch radikaler werden, um die verlorene Aufmerksamkeit wieder einzufangen, bis die Konkurrenz mitgezogen hat. Dann muss es noch radikaler werden… TRAURIG. Wie es Mr. Trump wahrscheinlich mit einem schlagkräftigen Adjektiv in Capslock beenden würde.

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1 antworten
  1. struppi says:

    Ich bin zwar mittlerweile über 50, aber wenn ich deine Analysen lese kann ich dir nur zustimmen (ich fand den ich will dich ficken Artikel schon erstaunlich gut).

    Auch wenn ich nicht Teil dieser „sozialen“ Welt bin und mich weitestgehend aus dem Epizentrum herausgehalten habe (ich nutze zwar Twitter, aber nicht FB), hat mich das technische immer interessiert (C64’er Generation) und ich bin nach wie vor sehr neugierig.

    Der Nutzen den viele durch diese sozialen Dienste sehen, konnte ich auch meist nachvollziehen und habe auch oft versucht skeptischen Menschen in meimem Alter diesen darzulegen. Aber die Entwicklung die du beschreibst ist auch mir aufgefallen und hinterläßt viele Fragen.

    Neben der schreienden Hysterie fällt noch die Angstmacherei der Politik auf, die wohl mit den Entwicklungen des Niedergangs des sozialen Aspekts einhergingen. Das ständige Reden über „Hatespeech“ oder dieser Unsinn über die angebliche Beeinflussung von „Socialbots“ zeigt deren Fokusierung auf diese Hysterie.

    Ich frage mich dann immer, warum die sich das antun.

    Für mich ist das Internet – nach wie vor – ein Ort der Wissensbereicherung und informiere mich auch gerne über andere Meinungen. Auf Twitter geht es mir in erster Linie darum, dass ich einen Eindruck über Meinungen bekommen, aus Regionen dieser Welt, aus denen nicht wirklich berichtet wird. Dort folge ich englisch- oder deutschsprachigen Accounts aus Syrien, Russland oder der Türkei um ein Bild zu bekommen, das über das hinausgeht, was wir erfahren. Wer Recht hat oder nicht spielt für mich keine Rolle, es geht um die unterschiedlichen Sichtweisen.

    Aber leider darf man heute so nicht mehr argumentieren. Bei Debatten im Netz (Artikelkommentare oder auch Twitter) muss es immer eine Sichtweise geben und die Andere ist dabei immer falsch und böse.

    Am Anfang als das Internet in mein Leben einzog (ca. 1997) stand es auch für das Gefühl endlich eine umfassende Sicht der Dinge Gewinnen zu können. Es Stand für eine Wissenbereicherung und freie Meinung. Heute erleben wir, dass es etwas anderes ist.

    Die Frage, die sich dann irgendwann Soziologen oder Politologen stellen können, lag diese Entwicklung daran, dass das im Internet irgendwann das „grosse Geld“ Einzug hielt oder weil Politiker, die es nicht verstanden haben, ihm ihre Regeln aufgezwungen haben?

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