Partnersuche mit Behinderung: Willkommen in der Welt der Ablehnung

23 Sep
23. September 2018

Eine Behinderung ist ein Teil meines Lebens, wie ich nicht nur gelegentlich in diesem Blog, sondern insbesondere im SoBehindert YouTube Kanal thematisiert habe. Allgemein vertrete ich bei dem Thema Inklusion sehr lockere Ansichten, dass man vieles nicht so streng sehen sollte und praktische Lösungen manchmal keinem politischen Idealbild folgen sollten. Bezogen auf meine persönliche Behinderung – Hemiparese, ich humple mit meinem rechten Bein durchs Leben und der rechte Arm hat ein gewisses Eigenleben – spielt diese nur eine untergeordnete Rolle für mich. Ich wandere, ich helfe bei Umzügen, ich koche, wasche, putze und tippe am Rechner so schnell mit einer Hand, wie es viele mit zwei Händen können. Freunde sagen gelegentlich sogar, dass man mit mir eigentlich keine Einschränkung hätte, sondern ich viel mehr der Anstoß wäre mehr zu machen. Mein Leben ist natürlich an einigen Stellen angepasst, aber so, dass das tendenziell positive Auswirkungen hat, wie, dass ich regelmäßig Sport treibe. Der einzige Punkt, an dem ich mit meiner Behinderung an meine persönlichen Probleme stoße ist einer, den die meisten Menschen in ihrem Leben für sich lösen möchten und der für sich genommen für jeden von uns bereits nicht einfach ist: Partnersuche. Nicht nur für Bettspaß, sondern einen Menschen, den man liebt und der einen liebt. An dieser Stelle ist ein Wort vorherrschend: Nein!

Wir treten einen Schritt zurück. Ich war mir selbst vermutlich länger als einigen anderen genug. Meine Informatikwelt, mein Notebook und ich sind eine Einheit, die mich über meine frühe Jugend hinweg fasziniert hat und Themen wie Party machen, Alkohol konsumieren oder mit 14 Jahren anfangen nach Mädels Ausschau zu halten waren alles Teile des Lebens, die mich wenig interessierten. In der neunten Klasse, als ich 16 Jahre alt war, gab es in meiner Klasse jedoch ein Mädchen, das ganz offensichtlich Interesse an mir auch abseits der Schule für etwas Ernsthafteres gehabt hätte – so ernsthaft das in dem Alter sein kann. Angefangen mit ganz minimalen Signalen während des Unterrichts, bis hin zur Rückfahrt von unserer Abschlussfahrt in der 10. Klasse, in der eine Klassenkameradin zu dem Mädchen, das sich direkt neben mir platzierte, unüberhörbar direkt sagte, dass sie doch akzeptieren sollte, dass ich nichts von ihr wollen würde. Das stimmte. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht einmal, was ich in der Hinsicht für mich selbst wollte, das wiederum abseits von meiner gewissen Schüchternheit mehrschichtige Gründe hatte. Jedoch stellte ich mir dadurch eine wichtige Frage: Was wünsche ich mir in einer partnerschaftlichen Beziehung eigentlich und was kann und möchte ich geben?

Die Antwort auf diese Frage wird sich bei jedem Menschen im Laufe des Lebens immer wieder verändern und so begibt man sich auf die Suche nach Menschen, die Eigenschaften mitbringen, welche man sich von einem Partner wünscht. Je nach Alter und Lebenssituation sind andere Qualitäten an seinem Gegenüber in den eigenen Augen relevant. Dem einen ist die eigene Unabhängigkeit wichtig und er sucht nach einem Partner, mit dem die Sexualität im Vordergrund steht, aber viele andere Wege sollten getrennt verlaufen. Der andere sucht nach einem Menschen, mit dem man am liebsten sein ganzes Leben teilen möchte und bei dem der Charakter einen viel höheren Stellenwert als die Körperlichkeit hat. Abseits davon, dass die Wünsche beider Seiten ähnlich sein müssen, gibt es viele Begleitumstände, die bedingen, ob man einander näher kennenlernt. Angefangen vom ersten Eindruck, über die Frage, ob man schnell auf Gemeinsamkeiten trifft, örtliche Gegebenheiten, die aktuelle Lebenssituation beider Seiten zum Zeitpunkt des Kennenlernens… Wir wissen alle, warum es keine einfache Aufgabe ist einen Menschen im Leben zu finden, mit dem es sich wirklich wohl anfühlt.

Das Erlebnis zum Ende meiner Realschule bewog mich dazu, dass ich die letzten fünf Jahre nicht nur Augen und Ohren nach einer Partnerin offen gehalten habe, sondern im Laufe der Zeit immer mehr Initiative zu ergreifen, bewusst zu suchen und mich selbst vor die Herausforderung zu stellen den nächsten Schritt zu wagen, der egal was er ist beim ersten Mal nicht leicht fällt. The dating game has been started! Fuck, war ich aufgeregt, als ich mich das erste Mal bewusst zu einem Date verabredete.

An der Stelle könnte die Geschichte zu Ende sein, mit der Zusammenfassung noch nicht den Menschen gefunden zu haben, mit dem es sich wirklich passend anfühlt. Der Begleitumstand meiner offensichtlich erkennbaren Körperbehinderung verändert das Dating Game jedoch auf eine gewisse Art, mit der man lernen muss umzugehen. Abseits davon, dass vieles anderes im Zwischenmenschlichen passen muss, gibt es eine prägende Aussage, die hängen bleibt. „Jan, du bist ein netter Kerl, aber… eigentlich möchte ich keinen Partner mit Behinderung“. Während ich das in diesen Worten nur einmal in meinem bisherigen Leben gehört habe und es eine faire Umgangsweise fand, gibt es das im Unterton häufiger unmissverständlich wahrzunehmen.

Am besten lernst du Menschen Face to Face kennen. Je nach Absicht gibt es verschiedene Abendveranstaltungen, bei denen man sich sicher sein kann, dass man auf Menschen trifft, die nach einem anderen Menschen im Leben suchen. Dabei lernt man einander meist an einem Abend kennen und entweder ist an der Stelle so viel zwischenmenschliche Sympathie vorhanden, dass man (von ernsthaften Absichten und nicht nur Bettspaß ausgegangen) Kontaktdaten austauscht. An dieser Stelle lernt man schnell, dass wenn man umgeben von vielen Männern und Frauen ist, welche körperlich nicht auffällig sind, eine Körperbehinderung, die Blicke auf einen zieht, einen ersten Eindruck vermittelt, der Fragen aufkommen lässt: Was hat der? Was kann der überhaupt? Wo liegen Grenzen? Alles Fragen, die sich bei näherer Betrachtung als nicht problematisch erweisen würden, aber die für den ersten Eindruck weder vorteilhaft sind noch zu einer großen Offenheit führen. Und in dem Kontext von Partnersuche dazu führen, dass du Menschen über diesen Weg kaum kennenlernst, wenn du diese nicht vielfach triffst und diese sich ein umfänglicheres Bild von dem humpelnden Kerl machen können.

Thank God, wir leben im digitalen Zeitalter, in dem es Online Dating gibt. Davon abgesehen, dass man sicher ist, das die Gegenseite auch auf der Suche ist, kann man sich für den ersten Eindruck so platzieren, wie man es selbst möchte. In den Bildern zeigt man sich von seiner besten Seite und auch im Profiltext steht nur das, was man aufs erste offenbaren möchte. „Ich bin behindert“ muss dort nicht drinnen stehen und die erste Abschreckung ist somit genommen. Das führt dazu, dass man mit Menschen erst einmal schreibt, bevor man einander persönlich kennenlernt und über diesen Weg viele Qualitäten eines Menschen kennenlernt, die man über das äußere Erscheinungsbild nicht direkt gesehen hätte. Diese Basis hilft schon einmal unheimlich viel weiter und zeigt, dass es neben dem ersten körperlichen Eindruck viele andere Eindrücke gibt, welche die Körperlichkeit nicht die Szene dominieren lässt. Jedoch stellt sich dabei immer wieder die Frage wann man erwähnt, dass eine Körperbehinderung – unabhängig davon, wie sehr diese wirklich einschränkt – ein Teil des eigenen Lebens ist. Erwähnst du es zu früh, ist die Abschreckung groß. Erwähnst du das zu spät, kann es sein, dass du einige Zeit bereits in eine sehr positive Konversation gesteckt hast und sich dieser Fakt dann als Dealbreaker erweist. In der Hinsicht habe ich die Palette der Möglichkeiten bereits durch. Sowohl, dass man über einen Monat jeden Tag lange Texte miteinander geschrieben hat, als auch jeden Abend eine gute Nacht Nachricht erhielt und von der einen auf die andere Sekunde nach der alles entscheidenden Nachricht kommt keine Antwort mehr. Yea, das ist ein Nein direkt in die Fresse! Die Alternative ist, dies bis zu einem persönlichen Treffen gar nicht zu erwähnen, was ich bislang nur einmal ausprobiert habe und was zu entsprechend leicht irritierten Blicken führte. Keine Lösung, mit der ich mich bislang besonders wohlfühle.

Aus solchen Erfahrungen heraus überlegt man sich Strategien, wie man dieses Problem Behinderung, das im Rest des eigenen Lebens Nebensache ist, bestmöglich angeht. Eine weitere Alternative ist, sich in bestimmten Umfeldern umzusehen, in denen man davon ausgehen kann, dass die Anzahl der Menschen, die mit einer Behinderung ein Problem haben, geringer sind, da sie sich mehr Gedanken darüber gemacht haben, was ihnen persönlich an einem Partner wichtig ist und sich entsprechend Einstellungen, unabhängig vom Alter, von Körperlichen zu Charakterlichen verschieben. In welchen Umfeldern ich mich dahingehend mittlerweile aufhalte, ist ein Artikel für sich wert, aber das ist die Herangehensweise, welche ich wegen meiner persönlichen Begleitumstände aktuell am sinnvollsten erachte.

Was man daraus lernt, viel Ablehnung trotz Bemühen zu erleben

Du lernst unheimlich viel über Dating, Dating-Portale und demografische Strukturen. Ich gebe zu, vielleicht auch nur wenn man so Nerdy ist wie ich. Mittlerweile würde ich jedoch behaupten, auch aus Experimenten mit Fakeprofilen heraus, dass ich im großen Maße abhängig von dem Alter, in dem man sich befindet und in dem man sucht, dem eigenen Geschlecht und der Art von partnerschaftlichem, was man sucht, einschätzen kann wie die Chancen bei einem Großteil der in Deutschland etablierten als auch kleinen Portale ist, fündig zu werden.

Außerdem lernst du über solche Experimente auch: Wenn du Mann bist, solltest du die Initiative ergreifen. Wenn du Mann mit besonderer Situation bist, musst du die Initiative ergreifen. Profile genau studieren, persönlich schreiben. Keine Likes. Keine Zwinkerer. Keine bescheuerten Herzen Funktionen. Alles andere ist zwecklos, denn das klassische Rollenbild des Mannes, der den ersten Schritt machen muss dominiert das gesellschaftliche Bild nach wie vor. Und wenn du es nicht machst, dann macht es einer der hunderten anderen Männer, die nur einen Klick entfernt sind.

Zum anderen differenzierst du deine eigenen Bedürfnisse als auch das, was du geben kannst und möchtest deutlich stärker. Was ist Sexualität, was Liebe und was Nähe? Wenn alles drei zusammenkommt ist das etwas Wunderbares, doch man sollte auf alles drei für sich betrachtet achten, wenn man langfristig für jemand anderen erfüllend sein und selbst erfüllt sein möchte.

Neins fressen. Das lernst du. Ja, wirklich fressen, sodass diese sprichwörtlich in deine DNA eingehen und die Antikörper gegen den Entzündungsherd stark sind. Mit der Zeit veränderst du dein Verhalten. Online Dating beschränkst du zeitlich und wenn dann jemand nicht zeitnah gewillt ist einander persönlich kennenzulernen: Just kick it! Versuche auch nicht mehr für Menschen, denen du nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehst, besonders da zu sein. Das baut eine emotionale Bindung in einem selbst auf, die am Ende im Zweifelsfall weh tut. Du musst ein Nein fressen können und am selben Abend noch seelenruhig einschlafen. Das klingt abgebrüht arschlochmäßig nicht emotional. Kann sein, aber auf Emotionen kannst du dich ernsthaft immer noch einlassen, wenn du darum weißt, dass du über die Hürde des grundsätzlichen Neins hinaus bist.

Zu guter Letzt lernst du noch etwas, bei dem ich gerade erst auf dem Weg bin dies zu lernen. Sieh Dating nicht so ernst, sondern als Spiel, bei dem du ohne jede Erwartungshaltung reingehst, versucht einen netten Tag zu gestalten, bei dem du aber nicht erwartest dein Gegenüber je wieder zu sehen. Dafür musst du dich auch nicht besonders schick kleiden oder riechen, denn wenn dein Gegenüber aufgeregt sein sollte, nimmt es das sowieso nicht wahr. Falls es es jedoch wahrnimmt, dann sollte es dich so akzeptieren, wie du im Alltag auch bist. Alles andere ist zu viel Aufwand, denn du spielst nur das Dating Game – der Rest des Lebens geht weiter, während du dieses Game spielst und auch danach.

Der eine Vorteil

Ich würde behaupten in den vergangenen Jahren, aber insbesondere in den vergangenen zwei Jahren, viel über mich mit dieser Art von Ablehnung gelernt zu haben und wie ich damit umzugehen habe. Die oben stehenden Schlüsse, welche ich daraus ziehe, sind in deinen Augen vielleicht nicht die besten. Glaub mir, es sind aber solche, mit denen du nicht mehr so viel an dich heranlässt, bis du über die Hürde Behinderung hinweg bist, was wichtig ist, um selbst damit positiv umzugehen.

Es gibt jedoch einen Vorteil aus der Situation, der definitiv nicht unerwähnt bleiben sollte. Falls du wie in meinem Fall nicht auf der Suche nach schnellem Bettspaß bist, sondern einen Menschen ernsthaft kennenlernen möchtest, so hast du eine wunderbare Vorselektierung. Du wirst niemanden ernsthafter kennenlernen, dem es um reine Körperlichkeit geht und du wirst niemanden kennenlernen, der von seinem Selbstbewusstsein nicht auf eigenen Beinen steht, denn jemand, der Blicke auf der Straße genauso wie von den eigenen Freunden nicht aushält, wenn man mit einem körperlich behinderten Menschen unterwegs ist, wird sich auf eine Beziehung mit einem solchen Menschen nicht einlassen.

In diesem Sinne: Let’s play the Dating Game! Again and again and again.

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2 Antworten
  1. Airwave says:

    Genau dieser Vorteil, ist wirklich wichtig. Der Letzte Abschnitt. Klasse.. besser hätte ich es nicht verfassen können…

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  2. Kuschelmaus says:

    Ganz schön krass, deine Haltung, aber irgendwie auch verständlich, wenn man sich selbst schützen möchte. Vor allem, wenn man oft genug verletzt wurde. Das geht mir momentan nicht anders. Bei mir ist die Situation allerdings gerade so, das ich mich in einen jüngeren Mann verliebt habe, der zwar eine, aus meiner Sicht leichte körperliche Einschränkung hat, was mich aber nicht im geringsten stört, sondern was sich eigentlich als viel schwieriger herausstellte, das er, obwohl er doch eigentlich für Toleranz plädiert, Probleme damit zu haben scheint, das ich 21 (okay, ich gebe zu, ich hätte die Zahl auch gerne anders herum geschrieben) Jahre älter bin, als er. Ich gebe zu, das es auch für mich eine gewöhnungsbedürftige Situation darstellt. Aber 1. Kann man es sich ja nicht wirklich aussuchen, wann es einen erwischt,
    2. Gibt es genug bekannte Beispiele von Paaren in ähnlicher Situation,
    Und 3. Wenn man sein Herz nicht öffnet, kann man zwar nicht verletzt werden, aber auch keine Liebe in dem Maße empfangen,
    als wenn man allen Mut zusammen nimmt,
    und sich zumindest langsam wieder öffnet.
    Ich werde mir gerade selber erst Bewusst darüber, in dem ich dies schreibe aber diese Wahrheit kommt direkt aus meinem Herzen.
    Liebe Grüße 🙂

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