Ist INDECT die Umsetzung von 1984?

29 Jul
29. Juli 2012

Wir schreiben das Jahr 1984. Gelebt wird nur noch bedingt, da dies in einem totalitären Überwachungsstaat, wie dem unseren, kaum mehr möglich ist. Ein Treffen mit mehr als einem Freund ist nur noch in geschlossenen Räumen möglich, da an jeder Ecke Kameras installiert sind und in der Luft, fast unsichtbar und geräuschlos, Drohnen über die Straßen unserer Städte fliegen. Bevor man aus der Tür hinausgeht, sollte man den Autoschlüssel bereits richtig in der Hand halten, damit man nicht zu lange vor seinem Auto steht und als potenzielle Bedrohung eingestuft wird. Jedoch sollte man den Schlüssel während dem Gang zum Auto keinesfalls mit dem Metall nach vorne gerichtet halten, denn dann ist man eine Gefahr für Passanten, die man mit dem spitzen Ende des Schlüssels verletzen und damit eine Panik auslösen könnte.

So oder so ähnlich könnte das Gedankengut von George Orwells Buch „1984“ gepaart mit den Möglichkeiten, die in dem EU-Forschungsprojekt INDECT erforscht werden, aussehen. 1984 ist ja bekanntlich bereits vorbei, doch INDECT klopft bereits an unsere Haustüren.

Was ist INDECT überhaupt?

INDECT ist ein 15 Millionen Euro schweres Forschungsprojekt der Europäischen Union zur Erkundung von Möglichkeiten zur Überwachung des realen und des technisch kommunizierenden Lebens. Dabei steht eine Zentralisierung der Daten im Vordergrund, um ein bestmöglichstes Verhaltensprofil aller Bürger zu erstellen. Mit den durch INDECT gesammelten Wissen sollen Straftaten vor deren Ausführung erkannt und verhindert werden. Des Weiteren soll auch eine gezielte Beeinflussung der Gesellschaft erreicht werden. Ausgeschrieben bedeutet INDECT „Intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment“, was auf deutsch „Intelligentes Informationssystem zur Unterstützung von Überwachung, Suche und Erfassung für die Sicherheit von Bürgern in städtischer Umgebung“ bedeutet.

Wie sollen diese Pläne der Überwachung umgesetzt werden?

  • Prüfung des Datenverkehrs im Internet. Beispielsweise durch eine Analyse von Suchanfragen, Überwachung von Kommunikation z.B. in eMails oder Social Networks oder öffentlichen Äußerungen in Blogs oder auf Twitter.
  • Analyse von Bild- und Videomaterial zur Aufspürung von „abnormalen Verhalten“.
  • Kameraüberwachung in stationärer und mobiler Form z.B. durch Drohnen, welche auffällige Personen verfolgen und bei Bedarf Polizeibeamte zum Handeln auffordern.
  • Biometrische Identifizierung der aufgenommenen Personen durch einen Abgleich des Personalausweises und dem Reisepass

Was bedeutet auffälliges oder „abnormales“ Verhalten?

Eine konkrete Beantwortung dieser Frage durch Beteiligte an dem Projekt INDECT gibt es meines Kenntnisstandes nach nicht. Jedoch wurde in Polen, wo während der Fußball-WM dieses Jahres bereits großflächige Tests stattfanden, eine interte Umfrage von Polizisten durchgeführt, was „abnormales Verhalten“ sei:

  • Bewegung gegen die „Fluchtrichtung“ (sprich: gegen den Strom auf dem Bürgersteig gehen)
  • „Herumlungern“
  • Treffen von mehr als X Personen
  • Laufen
  • Zu schnelles Fahren
  • Fallende Personen
  • Gepäckstücke vergessen
  • Schreien
  • Fluchende Personen

Eine vollständige Liste findet ihr unter https://viennanonymous.wordpress.com/was-ist-indect/

Wie weit ist INDECT fortgeschrittenen?

Diese Frage lässt sich nicht konkret beantworten, obwohl es sich laut Europäischer Union um ein öffentliches Forschungsprojekt handelt, denn die Bezeichnung „öffentlich“ ist nur auf einen Teil der Informationen zu beziehen. Da das Forschungsprojekt jedoch im Jahre 2009 startete und auf fünf Jahre angelegt wurde, ist damit zu rechnen, dass das entstehende „Produkt“ spätestens 2014 einsatzbereit ist. Nach aktuellen Medienberichten (Tagesschau um 20:00 Uhr in der ARD vom 28.07.2012) ist mit einer erfolgreichen Beendigung des Projektes bereits 2013 zu rechnen.

Wird INDECT nur in der Europäischen Union eingesetzt werden?

Vermutlich nicht, denn INDECT könnte nach aktuellem Erkenntnisstand eines der besten Überwachungssysteme weltweit sein. Damit sind selbstverständlich auch wirtschaftliche Interessen verbunden, was zum Verkauf der Technologie, ähnlich wie bei Waffen, an Länder außerhalb Europas führen könnte. Ein Verkauf an Diktaturen o.ä. ist hierbei natürlich nicht auszuschließen.

Was kannst du gegen INDECT machen?

Setze deine Stimme ein, um NEIN zu INDECT zu sagen. Dies kannst du auf verschiedene Arten machen. Im Folgenden zeige ich ein paar Möglichkeiten auf. Zu aktuellen Ereignissen, z.B. zu Demonstrationen, werde ich zukünftig unter diesem Beitrag Links schreiben:

  • Verbreite Informationsmaterial über INDECT an Freunde, Verwandte und Bekannte, damit diese auch erfahren was INDECT ist (z.B. http://action-freedom.de/wp-content/uploads/2012/07/INDECT-FLYER-MUC.jpg (inzwischen offline) oder dieser Blogbeitrag).
  • Unterzeichne Petitionen gegen INDECT (Link siehe unten).
  • Gehe auf Demonstrationen gegen INDECT (letzter internationaler Protesttag war der 28.07.2012; Nächste Proteste siehe Updates am Ende des Artikels).
  • Werde selbst kreativ und gestalte Informationsmaterial gegen INDECT.

Ich hoffe mit diesem Beitrag die Gefahr, welche von INDECT ausgeht (alle Bürger unter dem Deckmantel der Kriminalität- und Terrorismusbekämpfung unter Generalverdacht zu stelleneine zentralisierte Datenbank über jeden Bürger aufzubauen und den Verkauf dieser Technologie an Diktaturen o.ä.), einigen Leuten etwas näher gebracht zu haben. Lasst uns gemeinsam gegen solche Überwachungmechanismen vorgehen, denn noch haben wir die Möglichkeit dazu.

Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/INDECThttps://viennanonymous.wordpress.com/was-ist-indect/http://www.swr.de/swrinfo/indect-eu-ueberwachung-algorithmus/-/id=7612/nid=7612/did=10099160/1tlgegx/index.html; http://ec.europa.eu/enterprise/policies/security/indect/index_en.htm (nicht mehr online); Tagesschau um 20:00 Uhr in der ARD vom 28.07.2012; Meine Erinnerung an die Reden auf der Anti INDECT Demo vom 28.07.2012 in München;  http://de.wikipedia.org/wiki/1984_(Roman)

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*UPDATE 1* Ich bin soeben über Netzpolitik.org auf eine Petition von OpenPetition.de aufmerksam geworden. https://openpetition.de/petition/online/stopp-indect-schluss-mit-dem-europaeischen-ueberwachungswahn (Geschrieben am 01.08.2012 12:00 Uhr)

*UPDATE 2* Der nächste europaweite Protesttag gegen INDECT wird am 20. Oktober 2012 sein. Das deutsche Facebook Event findet ihr unter https://www.facebook.com/events/471528326204988/ (Geschrieben am 01.08.2012 um 20:40 Uhr)

*UPDATE 3* Ein weiteres aus meiner Sicht gelungenes Video im Anonymous-Style zu INDECT unter http://www.youtube.com/watch?v=WR52NgUN41g und der nächste internationale Protesttag wird am 23. Februar 2013 stattfinden. Das Facebook-Event für München findet ihr unter https://www.facebook.com/events/275709112549694/ (Geschrieben am 14.11.2012 um 19:30 Uhr)

* UPDATE 4* Eine deutschlandweite Übersicht zu den Protesten am 23. Februar 2013 findest du unter http://protestwiki.de/wiki/DE:Uebersicht_Aktionen (nicht mehr verfügbar) und https://www.facebook.com/notes/anonymous-k%C3%B6ln/23022013-europaweiter-protesttag-gegen-indect-und-andere-%C3%BCberwachungsprojekte-%C3%BCb/373301076096349. Ein weiteres informatives Video zu INDECT findest du unter http://www.youtube.com/watch?v=sb9w_7WFqFY. (Geschrieben am 27.01.2013 um 20:30 Uhr)

* UPDATE 5 * Eine größere Liste mit Demos am 23. Februar 2012 findest du unter https://pad.riseup.net/p/OpBigBrotherORGA (Geschrieben am 01.02.1013)

* UPDATE 6 * Nun gibts die Demos am 23. Februar 2012 auch auf einer Karte eingezeichnet. Link: http://goo.gl/maps/JUf3Q (Geschrieben am 07.02.2012)

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3 Antworten
  1. Peter says:

    Vielen Dank für diesen guten und wichtigen Artikel.

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  1. […] werden kann. Dennoch dürfen wir uns auf unserem Erfolg nun nicht ausruhen. Sowohl INDECT, über welches ich bereits einen Beitrag schrieb, als auch Vorhaben wie CleanIT stehen in den Startlöchern oder werden bereits erforsch, welche […]

  2. […] ACTA ad ACTA, die Forderung von uns, die ACTA nicht möchten, wurde erfüllt. Nun ist lediglich die Frage, woran EU und Co. derweil schon wieder arbeiten. Parallel zu ACTA läuft ja noch INDECT, gegen welches man sich aufschwingen sollte. http://netzpolitik.org/2012/acta-wir-haben-das-unmogliche-moglich-gemacht/; https://jankarres.de/2012/07/ist-indect-die-umsetzung-von-1984/ […]

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