Castrex: Entwicklung der Plattform und Einstellung der Weiterentwicklung

11 Jun
11. Juni 2018

Im Februar 2017 schrieb ich in diesem Blog den Artikel Lasst die Abenteuer beginnen!, der mit den Worten begann, die über meinen Schreibtisch hängen: DO MORE OF WHAT MAKES YOU HAPPY. Ich stürzte mich in ein wahrliches Abenteuer, das mich das gesamte Jahr 2017 und bis heute in 2018 beschäftigen sollte. Die Rede ist hierbei von dem Aufbau von Castrex. Das Motto über meinem Schreibtisch sollte in dieser Zeit in weiteren Bereichen mein Leben positiv beeinflussen, doch es gab auch eine Schattenseite des Projektes. Der Artikel soll den Umfang und Verlauf des Projektes darstellen, um darzulegen, warum ich die weitere Entwicklung von Castrex ruhen lasse.

Castrex ist eine Podcasting Plattform nach dem Vorbild von YouTube. Wie ich in „YouTube des Podcastings“ startet schrieb, kannst du auf Castrex nicht nur über 12 Mio. Episoden von mehr als 400.000 Podcasts hören – an deinem Computer, Android-Smartphone oder iPhone – sondern auch selbst zum Podcaster werden. Podcast erstellen, Episode hochladen und du bist in wenigen Minuten online. Ohne technische Herausforderung, sondern mit dem Ziel dem Podcaster alle technische Arbeiten der Distribution so leicht wie möglich zu gestalten. Hörer können ihre Podcasts über alle Geräte hinweg hören und einfach über die Apps Feedback hinterlassen, sodass ein Dialog zwischen den beiden Zielgruppen entsteht. Dazu werden über 20 Metriken über das Verhalten von Hörern gesammelt, die nicht nur Podcastern weiterhelfen sollen ihre Inhalte zu verbessern, sondern insbesondere Werbetreibenden das Werben mit wesentlich weniger Streuverlusten und einen höheren Grad an Tracking ermöglichen soll. Die Ansprache aller drei Zielgruppen beabsichtigt Podcasting weiter zu denken und eine für alle drei Zielgruppen positive Monetarisierung des Mediums zu ermöglichen.

Der folgende Artikel ist eine ausführliche Abhandlung über das Castrex Projekt. Zunächst gehe ich auf die Entstehung der Idee von Castrex ein. Darauf folgt die Marktlage zum Zeitpunkt des Entstehens der Idee. Anschließend erläutere ich eine grobe Übersicht über die umfangreichen Arbeitsbereiche zur Entwicklung von der Plattform. Folgend ist eine Betrachtung der veränderten Marktlage zum Zeitpunkt des Releases von Castrex in dem Artikel enthalten, um zu verstehen, wie sich die Rahmenbedingungen des Marktes während der Produktentwicklung verändert haben. Der fünfte Abschnitt des Artikels handelt von meinen Erfahrungen zum und nach dem Release der Plattform Castrex. Anschließend gehe ich auf die persönliche Lage ein, in die mich das Projekt versetzt hat, bevor ich abschließend zusammenfasse, wie ich zu der Entscheidung kam die Entwicklung der Plattform Castrex ruhen zu lassen.

Die Idee

Die Idee zu Castrex entstand im Oktober/November 2016. In diesem Jahr arbeitete ich viel selbständig für verschiedene Kunden als Freelancer. Von einfachen Websites, über Webanwendungen bis hin zur Administration von Servern reichte das Spektrum. Gegipfelt ist die Arbeit im Oktober/November 2016, als ich eine Vollzeit Arbeitswoche neben meinem Vollzeitstudium leistete und parallel dazu vereinzelt Arbeiten an dritte Freelancer auslagerte, um den Anforderungen gerecht werden zu können. Die Freizeit beschränkte sich auf ein Minimum, sodass ich nicht einmal mehr Zeit hatte regelmäßig vereinzelte YouTube Kanäle anzusehen. Während des Kochens, welches meine Zeit zum Herunterkommen war, entdeckte ich Podcasts für mich, da ich parallel zum Kochen interessante Perspektiven auf Themen kennenlernen wollte.

Aus der Perspektive des Hörers fiel mir auf, dass ich es, im Vergleich zu anderen Onlinemedien wie Webvideo, verhältnismäßig aufwendig empfand hochwertige und interessante Inhalte zu finden. Die guten Inhalte, welche ich fand (primär englischsprachige), fesselten mich jedoch. Das führte dazu, dass ich mich mit dem Medium genauer befasste. Eine Plattform wie ein YouTube für Podcasts schien es nicht zu geben. Dahingegen traf ich auf eine sehr dezentral organisierte Struktur, in der jeder Podcaster seine eigene Infrastruktur betreiben muss. Gesammelt wurden und werden Podcasts hauptsächlich im iTunes Podcast Directory, das für Endanwender mangels benutzerfreundlicher Oberfläche und personalisierten Algorithmen schwer zugänglich ist. Die Mac und iOS iTunes/Podcast-App bietet eine bessere Darstellung als das Web Podcast Directory, jedoch hielt ich dieses auch für verhältnismäßig umständlich und Nutzer sind auf das Apple Ökosystem beschränkt. Für Windows und Mac fand ich keine weiteren nennenswerten Podcast Player, sodass ich die Website jedes einzelnen Podcasts besuchen musste. Alternative Apps für Android und iOS gestalteten sich zu dem Zeitpunkt noch meist technisch, sodass ich diese benutzen kann, jedoch nicht meiner Mutter empfehlen hätte können.

Aus der Perspektive des Podcasters musste ich feststellen, dass es mit einem verhältnismäßig hohen Aufwand verbunden ist, einen eigenen Podcast zu starten. Es wird eine Website, ein Podcast Hosting mit standardisiertem RSS Feed und ein Audioplayer auf der Website benötigt. Zusätzlich muss der Podcast in Podcast Directories wie dem iTunes Podcast Directory gelistet werden, damit Besucher den Weg auf die Website finden oder den Podcast über die iTunes/Podcast App von Apple (wovon die meisten Drittanbieter Podcasting Apps ihre Daten beziehen) hören können. Diese Einrichtung war für mich Informatiker mit etwas Einarbeitung in die Zusammenhänge des Umfeldes möglich. Jedoch erzählen für gewöhnlich andere Menschen bessere Geschichten: Journalisten, Historiker oder Fachleute von speziellen Themengebieten. Diese müssen nicht zwangsläufig Informatik affin sein, und für diese Zielgruppe scheint es mir kompliziert den eigenen Podcast professionell aufzusetzen. Dies zeigt sich auch daran, dass die Websites von Podcastern von sehr gemischter Güte sind.

Die dritte Konsequenz aus der dezentralen Struktur von Podcasting entdeckte ich, indem ich die technischen Strukturen von Podcasting betrachtete. Auf das einfache Minimum zusammengefasst lädt ein Client (Software des Hörers) eine (MP3-)Audio-Datei herunter und spielt diese in einem beliebigen Audioplayer ab. Die Folge davon ist, dass der Podcaster anhand der IP-Adresse den relativen Standort des Hörers ermitteln und die Anzahl der Downloads zählen kann. Viel relevantere Metriken wie das Verhalten des Hörers (wie lange dieser eine Episode hört und wann er abspringt), wie die Demografie der Hörer beschaffen ist und weitere Interessen eines Hörers können dabei nicht aufgezeichnet werden. Insbesondere diese drei Informationen sind jedoch im Online-Marketing essenziell, um Streuverluste bei der Ausspielung von Werbung minimal zu halten. Zugleich ist laut Umfragen von Radiosendern und großen Podcast-Produzenten die allgemeine Zielgruppe von Podcasts exzellent: Primär in einem Alter oberhalb des durchschnittlichen Studenten, aber unterhalb eines weniger Computer affinen Rentners, im Durchschnitt höher gebildete Menschen mit einem überdurchschnittlichen Einkommen. Aus diesem Grund liegen die in der Branche üblichen Cost per Impression (CPM) für Werbung trotz hohen Streuverlusten bereits heute weit über durchschnittlichen Preisen von Webvideo Werbung. Mit einer Eliminierung der großen Streuverluste könnte dieser noch wesentlich optimiert werden.

Der letzte Punkt ist die Kommunikation zwischen Podcaster und Hörer. Durch die Dezentralisierung von Podcasting hört jeder Hörer potenziell in einem anderen Client. Das hat zur Folge, dass der Podcaster eine dritte Stelle schaffen muss, an dem der Hörer Feedback hinterlassen kann. Meist kommt dabei E-Mail, Facebook, Reddit oder der Blog des Podcasters zum Einsatz. Durch den weiteren Weg auf eine dritte Plattform sinkt die Interaktion zwischen Podcastern und Hörern massiv ab. Podcaster, mit denen ich mich unterhalten konnte, haben auf 10.000 Downloads ca. fünf Rückmeldungen erhalten. Verglichen mit Webvideo auf YouTube ist das ein winziger Bruchteil der dort üblichen Interaktionen. Das hat natürlich eine Auswirkung auf die Bindung zwischen Hörer und Podcaster, die weit weniger ausgeprägt ist. Diese Bindung ist jedoch im Influencer Marketing der entscheidende Treiber von Werbepreisen, da durch eine hohe Bindung zwischen Konsument und Produzent die Wirkung von werblichen Maßnahmen drastisch steigert.

Für mich war es fast nicht zu glauben, dass es für Podcaster gute Podcasting Hoster, für Hörer zu der Zeit mehr schlecht als recht funktionierende Apps und Agenturen, die sich auf Podcast Vermarktung spezialisiert haben, gibt, jedoch keine Plattform, die diese drei Zielgruppen vereint und damit die von Plattformen wie YouTube bekannten großen Netzwerkeffekte entfesselt. Nach reiflicher Recherche verschiedener betriebswirtschaftlicher Faktoren und einzelnen Gesprächen mit Podcastern war die Idee eines „YouTube des Podcastings“ geboren.

Marktlage Q4/2016

Zum Zeitpunkt als die Idee von Castrex entstand, schaute ich mir den Markt und entsprechende potenzielle Konkurrenten genau an. Dabei ist anzumerken, dass, wie im vorherigen Abschnitt angemerkt, es für jede der drei Zielgruppen spezielle Lösungen gibt. Bei der Betrachtung der Kongruenz wurde aber bewusst auf Lösungen geachtet, die neben Hörern mindestens auch den Podcaster ansprechen, da die Einbindung von Podcastern auf Castrex eine zentrale Rolle zum Aufbau einer Community spielen sollte.

Bei der Recherche fielen die Anbieter Spreaker.com, Podbean und PodOmatic in den Fokus, die alle ein Podcast Hosting anbieten und dazu eine Lösung, wie Hörer Podcasts konsumieren können. Bei allen drei Anbietern war zu dem Zeitpunkt jedoch ein starker Fokus auf dem Podcaster, sodass die Lösungen für Hörer wenig ansprechend bis rudimentär waren. So waren insbesondere die Mobile Apps abseits einer Web-Oberfläche häufig von minderer Qualität. Zudem konnten teils nur Podcasts gehört werden, die auf der jeweiligen Plattform gehostet werden. Um eine große Vielfalt von Podcasts zu hören, musste somit eine weitere App von dem Hörer verwendet werden.

Zu diesem Zeitpunkt ebenso beliebt für Podcast Hosting war Soundcloud. Auf der Musik Plattform wird der Podcaster aufgrund des eigentlich anderen Zwecks jedoch nicht in den Fokus gestellt, sodass die Plattform nicht über spezielle Podcasting Features verfügte. So war z.B. ein Download der Podcasts auf der Smartphone App nicht aus Soundcloud heraus möglich.

Der Gigant Spotify hatte im Q4/2016 bereits ein Podcasting Angebot. Dieses umfasste jedoch nur eine sehr kleine Auswahl von hochwertigen Podcasts, teils in Kooperation mit den Podcastern produziert. Dabei hatte sich der Podcaster jedoch um seine eigene Infrastruktur zu kümmern, erhielt im Gegenzug jedoch Analytics Statistiken über das Verhalten der Hörer auf Spotify. Der Music-on-Demand Dienst beschränkte das Hören von Podcasts künstlich auf Android- und iOS-Smartphones, sodass kein geräteübergreifendes Erlebnis (Computer) möglich war und keine Community Funktionen (z.B. Kommentare) verfügbar waren.

Bei dem Branchenprimus Apple iTunes konnten zu diesem Zeitpunkt und können nach wie vor Hörer Podcasts auf Apple Geräten konsumieren. Der Podcaster hingehen kann nur den RSS Feed seines Podcasts einreichen, muss sich um seine technische Infrastruktur jedoch vollständig selbst kümmern. Dabei erhielt er Ende 2016 keinerlei Feedback – abseits von Sterne-Bewertungen des gesamten Podcasts durch Hörer – wie Analytics Daten zu seinem Podcast.

Arbeitsbereiche der Entwicklung von Castrex

Der Aufbau einer Plattform dieser Größenordnung ist kein Kinderspiel mehr. Hinter Castrex stehen diverse Komponenten, die es umzusetzen galt. Angefangen hat die Planung des Projektes bereits vor dem Vollzeit Startschuss im Februar 2017, wobei ich betriebswirtschaftliche Grundlagen, den Bedarf in Kooperation mit Podcastern und die Marktlage intensiv betrachtet habe. Zum Zeitpunkt der Betrachtung Ende 2016 war auf dem Markt der Podcast Plattformen kaum ein Player vertreten, der Podcasting im Sinne einer Plattformstruktur wie YouTube begriffen hat, was einer der ausschlaggebenden Gründe war, weshalb der Aufbau eines solchen Portals interessant erschien.

Von Februar bis Mitte März 2017 habe ich eine ausführliche Konzeption der Plattform einschließlich eines Screendesigns mit über 50 umzusetzenden Screens ausgearbeitet. Dabei wurden von Namen bis Corporate Design die Ausgestaltung der Außenwirkung des Produktes definiert. Aufgaben habe ich mit Scrum Methoden zerlegt und geplant, sodass ein konkreter Ablaufplan für den weiteren Verlauf des Projektes bestand.

Anschließend begann die Softwareentwicklung. Das Herzstück von Castrex ist als Konsument der App nicht direkt sichtbar. Um über neue Episoden von Podcasts möglichst zeitnah benachrichtigt zu werden und für den automatischen Download dieser am Smartphone, musste ein strukturierter Index gebaut werden, in dem alle Podcasts und Episoden verzeichnet sind. Was zunächst simpel klingt, umfasst einen Crawler, der vielfach täglich alle Episoden der, aus verschiedenen Quellen indexieren, Podcasts aktualisiert. Der Crawler verarbeitet über 400 Mio. Podcast Episoden pro Tag, verstreut über sechs Server hinweg, mit einem Datendurchsatz von mehreren Terabyte pro Tag. Dabei werden Daten aus mehreren Quellen in semi-strukturierter Form in eine strukturierte Form gebracht und in einer durchsuchbaren Datenbank abgelegt.

Aufbauend auf der Datenbank mit den Podcast Episoden habe ich in Node.js ein Backend mit einer RESTful ähnlichen API umgesetzt, welche alle Funktionalitäten gegenüber den Servern abbildet. Dabei entstanden über 90 Routen, in denen von einfachem Speichern von Benutzereingaben, über die Anbindung einer Volltext Suchdatenbank bis hin zur Abbildung von mehreren hundert Zeilen langen Algorithmen, welche meist für die Bewertung und Personalisierung von Inhalten für den Nutzer der Anwendung dienen, ein breites Spektrum an Funktionalitäten implementiert wurde. Dabei sollte wieder die große Datenmenge von etlichen Millionen Datensätzen in der Datenbank eine Herausforderung werden. Eine konsistent performante API galt es zu entwickeln, die über mehrere Server hinweg skalierbar sein sollte, um im Bedarfsfall das Backend von Castrex innerhalb weniger Minuten zu vervielfachen.

Abseits der API gibt es mit den Storage Servern eine zweite große Backend Komponente, die mich vor Herausforderungen stellen sollte. An dieser Stelle müssen nicht nur von Podcastern hochgeladene Episoden in verschiedenen Audioformaten sicher verarbeitet werden, sondern insbesondere auch eine Vielzahl an Bildern. Die Artworks der in Castrex indexierten Podcasts und deren Episoden müssen für verschiedene Endgeräte und Bildschirmauflösungen optimiert ausgeliefert werden. Insbesondere für mobile Endgeräte mit begrenztem Datenvolumen ist eine optimierte Auslieferung von Bildern für die Performance der Apps essenziell. So mussten über alle Auflösungen und Zwecke in der App hinweg rund 20 Mio. Bilddateien verarbeitet und ausgeliefert werden können. Dies stellte nicht nur in der Verarbeitung und Optimierung der Bilder eine Herausforderung dar, sondern bedurfte bspw. einem dafür abgestimmten Dateisystem auf Betriebssystemebene, das eine schnelle Zugriffszeit auf die große Menge an Dateien auch unter Last zulässt. Dabei ist genauso wie bei der API die Skalierbarkeit des Backends eine wichtige Aufgabe gewesen, die mit entsprechenden Technologien unterstützt implementiert wurde.

Die im Vorangegangenen erwähnten Server-seitigen Komponenten, abseits von weiteren Komponenten wie einem Daemon zur asynchronen Berechnung von Metriken im Sinne der Performance Optimierung mit den vorhandenen Datenmengen, müssen natürlich auf Servern laufen. Während viele gut finanzierte Start-ups ihre Kreditkartendaten bei Amazon AWS hinterlegen und das Ding läuft erstmal, war dies keine Option für das Castrex Projekt, welches zunächst aus meiner eigenen Tasche finanziert werden musste. Neben dem Crawler und der daran angeschlossenen Datenbank, die größere Mengen an Rechenkapazität benötigt, sollte das Thema Traffic die größte Herausforderung werden. Als Beispiel gehen wir von 100 Podcastern aus, die alle 14 Tage eine neue Episode mit einer Spieldauer von 52 min. veröffentlichen, welche im Schnitt von 10.000 Hörern heruntergeladen werden. Dabei wird die Episode mit 128 kbit/s Audiodateien ausgeliefert. Im Vergleich mit Reichweiten, die wir von YouTube oder Instagram kennen, winzig klein, im Podcasting konservativ realistische Werte für viele Podcasts, die nicht professionell, aber aktiv, produziert werden. Mit diesen Parametern und der kleinen Beispielsmenge von nur 100 Podcastern erhalten wir einen Traffic von monatlich 48,76 TB nur für Audiodateien oder ausgegangen von einer theoretischen Gleichverteilung des Traffics über 10 Stunden pro Tag eine Last von rund 370 Mbit/s (übliche Abrechnungsgröße von Traffic außerhalb von Cloud-Providern). Würde man diese Last auf Amazon S3 Containern laufen lassen, so wäre dies mit 0,09 USD netto pro GB Traffic (Stand Mai 2018) bepreist, was monatliche Kosten von rund 4.500 USD netto verursachen würde. Unter der Annahme einer im Leerlauf befindlichen Plattform entsteht alleine durch den Crawler ein weiterer externer Traffic von ca. 40 TB im Monat, wobei die Kosten entsprechend hoch wären. An dieser Stelle musste ich somit eine kosteneffizientere eigene Serverinfrastruktur bauen, welche über mehrere Cloud- und On-Premise Anbieter verstreut ist und eine optimale Kostenstruktur aufweist. Das Resultat davon ist, dass Castrex zur Zeit für unter 100€ im Monat betrieben werden kann und im Falle eines großen Anstiegs des Traffics die Mehrkosten nur je nach Lastenverteilung von ca. 2% bis 6% der Kosten verursacht, die bei einer Lösung in der Amazon AWS Cloud anfallen würden. Eine technisch wie betriebswirtschaftliche Herausforderung gleichermaßen.

Mit der bislang beschriebenen technischen Umsetzung, die bis einschließlich Mitte Juni 2017 andauerte, haben wir ein schönes Backend. Im nächsten Schritt wurde von mir die Web-App mit React umgesetzt und damit die erste für Nutzer interessante Oberfläche. Das 30 Routen umfassende Frontend mit einigen weiteren Ausprägungen, führte die verschiedenen Komponenten des Backends zusammen. Am Ende der Entwicklung einer Applikation sieht man die Bäume vor lauter Wald nicht mehr, weshalb ich mit ca. 15 Personen verschiedenen Alters, beruflicher Hintergründe und technischer Affinität Usability-Tests von je rund einer Stunde durchführte, um zu verstehen, an welchen Stellen die Applikation für die Anwender verständlich ist und an welchen Stellen die Usability weiter verbessert werden muss. An dieser Stelle half mir insbesondere mein Hintergrund im Bereich der Videoproduktion weiter, da ich durch den Einsatz von teils mehreren Kameras während der Usability Tests das Verhalten der Probanden genau auswerten und so die Applikation iterativ verbessern konnte. Im Zuge der Web-Applikation entstand zudem ein embedded Audioplayer, der in Websites eingebunden werden kann, sodass Episoden auch dort über Castrex verfügbar sind.

Während die Webentwicklung mein Spezialgebiet darstellt und somit abseits von neuen Technologien, die ich einsetzte, ein Heimspiel für mich war, begann ab September 2017 die Arbeit im Neuland Mobile Apps. Aus dem Grund, dass ich Castrex mit sehr begrenzten Ressourcen entwickelte und ich mir somit nicht leisten konnte die Android App und iOS App in Java bzw. Objective-C/Swift jeweils einzeln zu entwickeln, griff ich auf React Native zurück. Das Framework zum Bau von nativen Apps von Facebook versprach eine annähernd native Performance der Apps, wobei zugleich Teilstücke des Codes aus der Web-App in JavaScript übernommen werden konnten und Anpassungen für die beiden Mobile Plattformen nur geringfügig ausfallen sollten. Der grundlegende Plan zur Minimierung des Aufwands funktionierte auch, jedoch habe ich drei Punkte an dieser Stelle unterschätzt.

  1. React Native wie auch viele einzusetzende Drittbibliotheken waren zum Beginn meiner Entwicklung der Mobile Apps noch sehr instabil und fehlerbehaftet. Das führte dazu, dass ich eine Vielzahl an Pull Requests, Änderungen in privaten Branches oder gar Workarounds bauen musste.
  2. Die API von React Native als Mapping von den nativen APIs der jeweiligen App-Plattformen iOS und Android ist technologisch in wunderbarer Art gelöst. Jedoch stieß ich an Stellen, an denen es keine oder nicht in der benötigten Art verwendbaren Mappings der nativen APIs gab. Das führte dazu, dass ich teilweise in Java in der Android API und in Swift bzw. Objective-C für iOS entsprechende Schnittstellen (um)bauen musste.
  3. Mobile App Entwicklung ist im Vergleich zu Web-Apps unheimlich detailverliebt, auf Grund der großen Diversität von zu unterstützenden Android Geräten (ca. 15.000 Geräte mit verschiedenen Softwareversionen herunter bis Android 4.4) fehleranfällig und es muss in umfangreichen sowie zugleich starren Entwicklungsumgebungen gearbeitet werden. Als Neuling in der Mobile App Entwicklung kostete das Einarbeiten in die entsprechenden Umgebungen und Arbeitsweisen viel Zeit.

Die Entwicklung der Mobile App nahm in der Folge mit abschließenden Usability-Tests und einer privaten Beta-Phase, um Fehler bei der Diversität der Android Geräte zu minimieren, rund vier Monate in Anspruch. Im Laufe der Entwicklung hat sich das React Native Framework zudem wesentlich weiterentwickelt, sodass man dieses mittlerweile guten Gewissens empfehlen kann.

Die Entwicklung der API, Web-App, Embedded Player und Mobile Apps fand dabei immer Multi-Lingual statt, sodass die Applikationen vollständig in Englisch sowie Deutsch verfügbar sind. Dabei enthalten alle Komponenten zusammen über 4.000 Textbausteine, die in beiden Sprachen in ähnlichem Stil fortlaufend gepflegt werden mussten.

Abseits der technischen Produktentwicklung hielt die Entwicklung von Castrex weitere Aufgaben für mich bereit. So musste eine rechtliche Unternehmensstruktur eingerichtet werden, Behördengänge und Papierkram für die zwei gegründeten Kapitalgesellschaften erledigt, eine Buchhaltung der Unternehmen aufgesetzt und weitere rechtliche Vorschriften umgesetzt werden. Im Weiteren mussten mit einem Medienrechtsanwalt Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärungen für die Castrex Plattform ausgearbeitet werden. Mit unter durch die Einführung der EU-DSGVO zum 25. Mai 2018 verursachte die Rechtsberatung weitere Entwicklungsaufwände, da die entwickelte Applikation in einigen Punkten an die (neuen) rechtlichen Vorschriften angepasst werden musste. Der Verwaltungsaufwand und insbesondere die langen Wartezeiten bis zur Bearbeitung durch Behörden bei der Gründung von Kapitalgesellschaften sollten dabei nicht unterschätzt werden – diesen Aufwand habe ich genauso wie bei der Mobile App Entwicklung zu optimistisch geschätzt.

Außerdem bei der Entwicklung der Anwendung zu berücksichtigen ist immer die Betriebswirtschaft und das Projektmanagement. Das schließt eine ständige Aufwand-Nutzen Analyse von Entscheidungen genauso wie Kostenrechnungen für den Betrieb des Produktes mit ein.

Zuletzt ist als relevante Aufgabe bis zum Release von Castrex das Thema Marketing zu nennen. Neben den Help Desks, mit Artikeln zu typischen Fragen zu dem Produkt, und einem Ticketsystem zur potenziellen Auslagerung der Support Aufgaben, musste Marketing Material für Castrex produziert werden. Neben E-Mails an Podcaster, die vor der Veröffentlichung Zugang zu Castrex erhalten haben, der Kommunikation mit Podcastern nach dem Start von Castrex und Anschreiben an Pressevertreter zum Start von Castrex – was in der Summe mehrere hundert personalisierte E-Mails darstellte – produzierten wir auf dem Castrex YouTube Channel vier Videos, um bestimmte Zielgruppen der Anwendung in persönlichen Nachrichten konkret ansprechen zu können. Auf technischer Seite galt es die Web-App für Suchmaschinen zu optimieren, um eine sinnvolle Positionierung der auf Castrex gelisteten Podcasts zu erreichen.

Marktlage zum Release

Die im Vorangegangenen genannten Arbeiten erledigte ich hauptsächlich von Februar 2018 bis Februar 2018. Ein Jahr, in dem sich der gesamte Markt weiterentwickelte. Das Thema Podcasting erfuhr einen (kleinen) Hype, sodass momentan viel Medienhäuser sich in dem Medium versuchen. Gleichzeitig haben abseits von mir weitere etablierte Unternehmen und Start-ups entdeckt, dass es keine bekannte Plattform für Podcasts im Sinne eines YouTubes gibt und machten sich an die Arbeit.

Die Lösungen von PodOmatic und Podbean, im Abschnitt Markt Q4/2016 bereits benannt, entwickelten sich deutlich weiter, sodass die Nutzung auch für Hörer ein gutes Stück komfortabler werden sollte. Außerdem bauten die beiden Angebote, die sich tendenziell als Podcast Hoster verstehen, ihre Bemühungen um Podcaster aus. Zusätzlich gesellten sich zwei weitere relevante Player am Markt dazu.

Castbox, eine um Q4/2016 noch verhältnismäßig kleine Podcasting App, baute sein Angebot für Hörer massiv aus. Mittlerweile ist die App laut eigenen Angaben und gemäß der Downloadzahlen aus dem Google Play Store und dem Apple App Store die zweit reichweitenstärkste App für Podcasting nach Apple iTunes/Podcast App. Das Team hinter der App wuchs von drei auf mittlerweile über 30 Personen an. Erst kürzlich schloss Castbox seine Series B Finanzierung ab und ist damit mit 29,5 Mio. USD finanziert. Im Zuge der Series B Finanzierung scheint Castbox nun seine Bemühungen um Podcaster zu intensivieren, während zuvor der Fokus auf dem Aufbau von Reichweite von Zuhörern im Vordergrund stand.

Anchor.fm, zum Zeitpunkt Q4/2016 eine Mischung aus Podcasting, Snapchat und Dubsmash für Audio, machte sich zudem auf den Weg Podcasting zu erobern. In der App können nur auf Anchor.fm produzierte Podcasts gehört werden. Dabei wird Anchor seinem Slogan „The easiest way to start a podcast“ mit einem einfachen Audio Editor für das Smartphone absolut gerecht. Ende 2017 wurde neben der App die Web-Plattform der Anwendung ausgebaut, sodass nicht mehr nur ausgewählte Partner, sondern jeder abseits vom Smartphone aufgenommene Podcasts unkompliziert über die Plattform publizieren kann. Zudem werden alle auf Anchor.fm publizierten Podcasts auch dritten Podcasting Apps zur Verfügung gestellt und erhöhten so die Menge aller Podcasts – aufgrund der einfachen Produktionssoftware – stark. Die App ist mittlerweile in der Series A mit 14,4 Mio. USD finanziert.

Beide Anbieter beziehen, im Falle von Castbox mittlerweile, Podcaster aktiv in ihre Plattform ein und bauen so eine Lösung für mehrere Zielgruppen auf, wie sie Castrex umsetzen sollte. Während Castbox nach wie vor auf Hörer fokussiert ist und Anchor.fm auf eine einfache Produktion von Podcasts aus ist, sollte Castrex primär an dem Aufbau einer Community orientiert sein, um von entsprechende Netzwerkeffekten zu profitieren.

Abseits der beiden genannten exzellenten Start-ups hat Spotify sein Angebot ausgebaut. So können Podcaster mittlerweile über ein Formular ihren Podcast gegen Abtretung von Rechten auf der Music-on-Demand Plattform platzieren. Zudem intensivierte Spotify seine Beziehungen zu Podcast Hostern wie LibSyn, Audioboom oder Podigee, sodass es Podcastern, die deren Angebote wahrnehmen, noch leichter gemacht wird gegen eine Rechtsabtretung ihre Podcasts auf der reichweitenstarken Plattform zu platzieren.

An dem Vater der Podcasts, Apple, scheint die geänderte Marktlage auch nicht unbemerkt vorbeigezogen zu sein. So publizierte der Konzern im Dezember 2017 eine erste eingeschränkte Beta-Version eines Podcast Analytics Tools und der Zukauf von Pop Up Archive, ein Podcast Suchmaschinen Start-up, und u.U. auch der Zukauf von Shazam deuten darauf hin, dass der Konzern deutlich weitere Bemühungen in dem Markt anstrebt.

Release von Castrex

Im Februar 2018 bin ich nach rund zwölf Monaten an den Punkt gelangt, an dem Rechtsstrukturen, Web-, Android- und iOS-App von Castrex bereit zum Launch waren. Als One Man Show war natürlich auch der Release und die damit verbundene Kommunikationsarbeit eine gut zu strukturierende und zu planende Herausforderung. Dabei stellt ein Interview bei Deutsche-Startups.de, welches erst im April veröffentlicht wurde, einen der größeren Erfolge in der Öffentlichkeitsarbeit dar.

In den ersten zwei Wochen nach dem Release von Castrex erhielt ich zahlreiches Feedback zu der Plattform, welches ich bis heute teilweise auch noch in die Plattform einarbeiten konnte. Wie bei einem Release eines solchen Projektes zu erwarten lief nicht alles rund. Neben einem kurzen Serverausfall für eine Komponente ohne redundante Struktur am Tag des Releases, gab es Meldungen zahlreicher Bugs. Während in der Web-App insgesamt nur drei Fehler gefunden wurden, sollte die Mobile App, auf Grund der großen Diversität an Geräte, umso mehr Probleme bereithalten. Dies führte dazu, dass ich im März 2018 einen nicht unwesentlichen technischen Umbau der App vornehmen musste, um die Performance und Anfälligkeit der Mobile Apps deutlich zu verbessern. Jedoch gab es auch positives Feedback über die Funktionalitäten der Anwendungen und anregende Unterhaltungen über die Weiterentwicklung der App.

Zudem gab es im Zuge des Releases und der Berichterstattung Unterhaltungen mit einem Venture Capital Found und ein paar namhaften Unternehmen aus der Radioproduktion und Online-Vermarktung.

Abseits dieses gemischten, aber aufgeschlossenen Feedbacks, reagierte auch ein kleiner Teil der deutschsprachigen Podcasting Szene auf Castrex. Neben vereinzelten Stimmen, dass das Konzept der Plattform interessant sei und ein Umzug des eigenen Podcasts zu Castrex zu einem späteren Zeitpunkt in Erwägung gezogen würde, war die Reaktion jedoch von Ablehnung geprägt. Neben einer im Sendegate Forum bereits im Dezember losgetretenen Diskussion, in der das Video sowie Teile des Textes einer E-Mail veröffentlicht wurden, in der explizit gebeten wurde, die geteilten Informationen nicht vor dem Release zu veröffentlichen, gab es auf verschiedenen Social Media Kanälen mehr oder weniger freundlich formuliertes Feedback.

„Sei hip wie Angela. Macht nix, wenn Du von Tuten und Blasen und Podcasten nichts verstehst. Ist ja auch voll die Einbahnstraße, ey. Weil so ne „Community“ klappt ja nur, wenn man sie mit „Werbetreibenden“ zusammenbringt, also rein ins Silo. Burn Venture Capital, Burn!!!“ – Tim Pritlove via Twitter

Diese Art von Feedback ist jedoch harmlos gegen das, was mich per E-Mail erreichen sollte. Angefangen bei harsch formulierten Bitten die Listung des eigenen Podcasts zu entfernen (denen ich in jedem Fall unverzüglich nachkam), woraufhin ich auf teils explizit für den einzelnen Podcaster formulierten Erklärungen und Rückfragen ich seltenst eine weitere Reaktion erhielt, über Androhung von Rechtsmitteln gegen Castrex, bis hin zu E-Mails, die einzig zum Ausdruck von persönlichen Beleidigungen – teils anonym, teils mit Klarnamen des Absenders – gegen meine Person geschrieben wurden, war das Spektrum erschreckend. An dieser Stelle verzichte ich bewusst auf eine namentliche Nennung der Absender von letzterer Art von E-Mails, da ich dagegen auch nicht mit Rechtsmitteln vorging und ich unabhängig von der Handlungsweise dieser Personen niemanden bloßstellen möchte. Mein Glaube an einen respektvollen Umgang innerhalb der deutschsprachigen Podcaster Community wurde dadurch jedoch erschüttert. Zugleich sei an dieser Stelle aber auch auf freundliche E-Mails, sei es Fragen zu Castrex oder die Bitte den eigenen Podcast von Castrex zu entfernen, hinzuweisen, wobei die Mehrheit der E-Mails anders geartet waren.

Was Castrex mit mir persönlich machte und was ich aus diesem Projekt lernte

Im Vorangegangenen habe ich versucht einen groben Überblick darüber zu geben, welcher Aufwand hinter dem Castrex Projekt steckte und darüber hinaus welche, und in welchen Dimensionen, Lösungen zu bearbeiten waren. Ich habe das Projekt sowohl aus Kostengründen als auch aus einem Mangel an langjährig zuverlässigen Partnern fast alleine umgesetzt. Geringfügige Hilfe hatte ich dabei von Elias, einem langjährigen Freund, der mal mehr mal weniger meine Rechte Hand bei Projekten ist, als auch vor dem Start der Umsetzung durch meinen Bruder, der das Projekt aus der Brille eines Unternehmensberaters betrachtete. Diese Unterstützung belief sich jedoch auf einen minimalen Bruchteil des Aufwandes.

Die enorme zu erfüllende Anforderung des Projektes hatte zur Folge, dass ich mein Leben zwölf Monate lang auf dieses Projekt abstellte. Von Februar 2017 bis einschließlich August 2017 arbeitete ich im Schnitt über elf Stunden am Tag, sechs bis sieben Tage pro Woche. Parallel dazu absolvierte ich in der Hochschule drei Kurse. Von September bis Februar 2017 merkte ich bereits die Folgen des Projektes, sodass ich es nur noch schaffte fünf bis sechs Tage die Woche ca. neun Stunden pro Tag zu arbeiten – parallel dazu weitere drei Kurse in der Hochschule und vereinzelte Kundenaufträge, um die ansteigenden Kosten zu decken.

In diesen 12 Monaten Produktentwicklung nahm ich mir dabei zwei/drei Auszeiten. Im Mai fuhr ich für neun Tage nach New York, im Juni drei Tage in den Europa Park Rust (Freizeitpark) und zwischen Weihnachten und Silvester fuhr ich für vier Tage nach Leipzig auf den #34c3 (Kongress). Eine weitere eigentlich geplante Auszeit von einer Woche im September/Oktober 2017 ließ ich wegen des damals bestehenden Mehraufwands innerhalb des Projektes fallen.

Auf sozialer Ebene bedeutete dies, dass ich mich bewusst so weit wie möglich zurückzog. Ich sah Freunde kaum mehr und Sätze wie „Hast du einen Termin 2018, damit wir uns wieder treffen können?“ häuften sich. Die einzigen drei sozialen Interaktionen, denen ich sehr bewusst nachging, waren die mit meinem Mitbewohner, vereinzelte Abendessen im Kreise der Familie und Zeit, die ich mir für meine damalige partnerschaftliche Freundin nahm. Alles andere ließ ich in die Richtung „soziale Vereinsamung“ tendieren, um so viel Zeit wie möglich zu haben, die Anforderungen des Castrex Projektes zu decken. Diese Entscheidung mein Leben für diese Arbeit abzustellen traf ich bewusst, in dem Wissen potenzieller Folgen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der positive Sog nur noch arbeiten zu wollen und soziale Interaktion als zeitaufwendig zu betrachten. Dieses Gefühl fing jedoch ab November 2017 zunehmend an in eine negative Richtung zu kippen.

Seit Mitte Dezember 2017 merkte ich zudem, vermutlich auch durch den Mangel an Pausen, dass mein Körper trotz straffem Programm ins Wanken geriet. Neben ausreichend Schlaf und einer täglich frischen und gesunden Ernährung, versuchte ich alle ein bis zwei Tage Sport zu treiben. Angesichts meiner geringfügigen Körperbehinderung war mir bewusst, dass dieser Ausgleich notwendig ist, damit mein Körper diese Belastung mitmachen würde. Nach den vergangenen Monaten merkte ich ab Mitte Dezember 2017 jedoch, wie es mir immer schwerer fiel die notwendige Energie aufzubringen anstehende Aufgaben mit der notwendigen Ruhe, Geduld und Konzentration zu bearbeiten. In den folgenden Monaten veränderte sich zudem mein Schlafrhythmus in eine kontraproduktive Richtung.

Zusammengefasst ging ich mit der enormen Anforderung und der Minimierung sozialer Freude definitiv an meine persönliche Grenzen – oder leicht darüber. Ich habe mich die letzten zwei Monate zum Release im Februar durchgekämpft, da aufgeben nach über zehn Monaten Entwicklung keine Option mehr darstellte.

Das Feedback zum und nach dem Release von Castrex, und damit meine ich insbesondere das weniger respektvolle, traf mich persönlich. Auf sachlicher Ebene war mir bewusst, dass solches Feedback im Rahmen des Möglichen ist – insbesondere aus der deutschsprachigen Podcast Community, die stark von einem Open Source und einem Dezentralisierungsgedanken getrieben ist – und von anderen Projekten weiß ich eigentlich mit solchen Nachrichten umzugehen. Vermutlich dem grenzwertigen persönlichen Gesamtzustand geschuldet gingen mir Nachrichten dieser Art jedoch leider trotzdem nahe.

Unabhängig von dem konkreten Produkt Castrex denke ich eine nicht unbeträchtliche Erfahrung in den oben aufgeführten Arbeitsbereichen, sowie in der Umsetzung einer Tech-Produktentwicklung von der Idee bis zum Release gesammelt zu haben. Dabei habe ich mit großen Datenmengen bei zugleich unverhältnismäßig geringen Mitteln hantiert, wie man sie bei einem größeren Teil von Tech Start-ups zunächst nicht finden wird. Gleichzeitig habe ich für mich in der bislang extremsten Form meine Grenzen – sowohl hinsichtlich der Anforderung als auch körperlich – kennengelernt. Dabei habe ich definitiv gelernt, dass ein Tech Start-up dieser Dimension alleine aufzuziehen nicht die glorreichste Idee ist – ich würde meine Hand jedoch auch nicht dafür ins Feuer legen, dass ich nicht noch einmal auf eine solch absurde Idee kommen könnte.

Heute, über drei Monate nach dem Release von Castrex, habe ich mein Sozialleben weitestgehend wieder normalisiert. Jedoch merke ich nach wie vor, dass ich noch nicht auf dem Energielevel bin, wie zu Beginn der Umsetzung von Castrex vor über 16 Monaten und mich viel lieber an den sozialen und alltäglichen Dingen des Lebens erfreue, als nur arbeiten zu wollen.

Entwicklung von Castrex eingestellt

Die vorangegangenen inhaltlichen wie persönlichen Ausführungen zu Castrex sollten die aktuelle Lage des Projektes ausführlich darlegen.

Aus der betriebswirtschaftlichen Perspektive, durch die während der Entwicklung stark zunehmende und gut finanzierten Konkurrenz, sollte klar geworden sein, dass ich mit Castrex ein paar Monate zu spät am Markt gewesen sein sollte. Ich habe vermutlich zum noch richtigen Zeitpunkt das Potenzial des nach wie vor stark wachsenden Podcast Marktes erkannt, die Umsetzung des Produktes durch die geringen Mittel und getroffenen Entscheidungen zur Finanzierung aus privatem Kapital jedoch verpasst. Falls sich die Vermutung bewahrheiten sollte, dass auch Apple mit Produkten sich neu im Podcasting Markt platziert, ist der Kampf David gegen Goliath für Castrex meiner Einschätzung nach absolut aussichtslos und ich wünsche allen verbleibenden Teilnehmern am Markt das Beste.

Zum weiteren Aufbau von Castrex würde es eine nicht unbeträchtliche Menge an Kapital benötigen. Insbesondere für Marketingmaßnahmen, um der Plattform Relevanz zu verleihen, bräuchte es eine weit größere Reichweite. Dieses wäre u.U. durch Venture Capital Geber, falls die Konkurrenzlage nicht bereits zu negativ ist, möglich, wobei von meiner Seite selbstverständlich ein Commitment auf den Aufbau der Plattform in den kommenden Jahren erwartet werden würde. An dieser Stelle kommt meine persönliche Lage zum Tragen und die Fragestellung, ob ich nach den bisher in dem Umfeld gewonnenen Erfahrungen dieses Commitment für Castrex eingehen wollen würde. Die Antwort auf diese Frage ist nach reiflicher Abwägung ein Nein.

In der Folge könnte ich ohne größeres Kapital weitere Ansatzpunkte ausprobieren Castrex Relevanz zu verschaffen, wobei die Erfolgschancen als gering einzuschätzen sind.

Ich habe mich aus diesem Grund dafür entschieden die Weiterentwicklung von Castrex einzustellen. Die Plattform bleibt weiterhin auf unbestimmte Zeit online und im Falle von fatalen Fehlern werde ich diese in der Software beheben, jedoch keine neuen Features implementieren, Marketingmaterial produzieren oder Bemühungen anstrengend die Plattform signifikant wachsen zu lassen.

An dieser Stelle möchte ich allen danken, die mich in meinem persönlichen Umfeld in Jahr 2017 bis Anfang 2018 auf diesem riesigen Abenteuer begleiteten und die im Zuge von Usability-Tests dazu beitrugen, dass Castrex zu einem Produkt wurde, das ich froh bin umgesetzt zu haben und die damit verbundenen Erfahrungen gemacht zu haben.

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4 Antworten
  1. ckuehnel says:

    Toller und ehrlicher Bericht.
    Ich habe zwar vom Podcasting selbst wenig Ahnung, kann aber die Anforderungen aus Sicht des Projektmanagements gut nachvollziehen.
    Dass beim zumeist noch anonymen Feedback aus den Netz wenig konstruktives zu erwarten ist, kann man leider täglich in den verschiedensten Foren erleben.
    Deshalb, Hut ab vor der Leistung, aber vor allem für das Erkennen der eigenen Belastungsgrenzen und den umgesetzten Schlussfolgerungen.

    Gruss Claus

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  2. Joram says:

    Ich war und bin einer der Kritiker an Castrex. Während ich alle persönlichen Verurteilungen scharf verurteile (denn das geht wirklich gar nicht, unter keinen Umständen), möchte ich hier einen Einblick geben, warum die deutsche Podcast-Community so reagiert hat, wie sie reagiert hat.
    Deine gesamte Problembeschreibung basiert nicht auf den Problemen, die Podcaster*innen oder Hörer*innen haben. Die Metriken sind den meisten egal, und Werbung wird zurecht kritisch betrachtet. Niemand möchte getrackt werden, und die meisten Podcaster*innen möchten nicht tracken. Die dezentrale Struktur ist der inhärente Vorteil des Systems, nicht sein Nachteil. Keine Platform kann auf einmal reihenweise Podcasts demonetarisieren oder sonstwie benachteiligen. Es ist genug Platz für alle da, es gibt keine Premiumfeatures, außer man baut sie sich. Es gibt extrem aktive Communities, gerade weil nicht hinz und kunz wie bei Facebook kommentieren und ihre Freunde taggen, oder trollen wie bei youtube. Die diversen $Podcast-Ultras kommen zu Treffen, schicken Geschenke und supporten die Podcaster*innen. Einzig das Thema Cross-Platform-App ist noch nicht zu aller Zufriedenheit gelöst, wobei pocketcasts da schon ziemlich gut dabei ist.
    All diese Sachen hättest Du erfahren, wenn Du Dich mit der Community auseinander gesetzt hättest – im Vorfeld. Das Sendegate ist ein offener freundlicher Raum, solange man respektvoll ist. Und gerade Deine öffentlichen Aussagen zum angeblich desaströsen Zustand der Podcastwelt hat viele Leute vor den Kopf gestoßen. Etliche Entwickler*innen bauen extrem aufwendige Software, die sehr gut funktioniert, um allen den Einstieg einfacher zu machen. Podlove Publisher, Ultraschall, fyyd und andere sind Community-Entwicklungen, die in enger Zusammenarbeit mit den Nutzer*innen entstanden und stetig weiter entwickelt werden. Und zwar eng an den echten Bedürfnissen derer, die Inhalte produzieren und konsumieren, nicht derer, die mit dem Inhalt anderer Geld verdienen wollen.
    Deswegen: so persönlich schade ich es finde, dass Du sehr viel Energie und Zeit in Castrex gesteckt hast, so wenig trauer ich einem Projekt hinterher, das die Entwicklungen der adressierten Community ignoriert und sogar öffentlich degradiert hat. Selbst wenn es nicht in böser Absicht geschah, reiht es sich doch in etliche andere Projekte ein, die von außen angebliche Probleme identifizieren, ungewollte Lösungen bauen und die Communities selbst nicht respektieren. Ich finde es wichtig, dass sich andere ein Beispiel daran nehmen und nur Dinge entwickeln, die im Austausch mit denen entwickelt werden, die von dem Ding betroffen sein werden.
    Ich hoffe, Du kannst die verlorene Energie und Zeit irgendwie wieder reinholen und motiviert weiter entwickeln. Ich bin mir sicher, dass Castrex technisch ordentlich war und kompetent gebaut wurde. Es ist nicht an Feature-Armut gescheitert. Ich wünsche Dir weiterhin Erfolg mit Deinen Projekten.

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  3. dieKadda says:

    Hallo Jan,
    ich möchte dir kurz schreiben, dass es mir für dich persönlich leid tut, dass du so viel in ein Projekt investiert hast, das nun für dich nicht weitergehen wird.
    Ich kann mir vorstellen, dass es irre viel Kraft kostet und dass du noch eine Weile brauchen wirst, die Sache zu verarbeiten. Aber ich lese heraus, dass du nicht alleine damit bist, dass du Leute hast, die dir gut tun und ich glaube, du hast einfach auch sehr viel gelernt.

    Was ich gerne ergänzen würde: Ich war diejenige, die das ganze Thema ins Sendegate getragen hat. Du schreibst oben, dass du in deiner E-Mail im Dezember „explizit gebeten“ hättest, „die geteilten Informationen nicht vor dem Release zu veröffentlichen“. Ich habe deine Mail gerade noch einmal rausgesucht, weil ich mich dunkel erinnert habe, darüber vorher nachgedacht zu haben, ob ich das Thema im Sendegate ansprechen sollte. Ich verbreite nämlich nicht einfach so leichtfertig vertrauliche Infos, weißt du. Jedenfalls steht in deiner Mail vom 14.12. nichts davon, dass die Infos vertraulich wären und nicht geteilt werden sollten. Da steht „Ich bitte euch darum, die Zugangsdaten ohne vorherige Rücksprache nicht weiterzugeben.“ – und das habe ich selbstverständlich auch nicht gemacht.

    Zudem hat das öffentliche Youtube-Video meinen Eindruck bestärkt, dass es hier nicht um eine vertrauliche Sache geht, sondern „ihr“ (inzwischen weiß ich, dass es nur ein „du“ ist) im Gegenteil vielleicht sogar Aufmerksamkeit *wollt*.

    Dass daraufhin Scheiße über dich ausgekübelt wurde, tut mir sehr leid! Das konnte ich aber in dem Moment nicht ahnen. Ich fand die Idee interessant und ich hatte das, was „ihr“ macht, im Auge behalten.
    Was ich persönlich seltsam fand war, dass „ihr“ einfach Podcasts bei „euch“ eingepflegt habt. „Wie jeder andere Podcatcher“, sagst du – aber so ist es ja nicht, denn gleichzeitig war ja vom „Youtube der Podcasts“ die Rede. Zwei komplett verschiedene Dinge. Spotify nimmt auch nicht einfach – ohne zu fragen – Podcasts bei sich auf. Das geht schlichtweg auch nicht und ich glaube, das ist der Punkt, an dem es vielen Leuten einfach zu krass war.

    Zumal zumindest ich nicht ahnte, das du alleine dahinter steckst, sondern es war ja immer von einem „wir“ die Rede – was den Eindruck verstärkte, dass hier vielleicht ein paar windige Geschäftsleute fröhlich daran mitverdienen wollen, dass Podcasts guten Content bringen.
    Ich lese hier und heute, dass es alles ganz anders war – aber wirklich ersichtlich war das so nicht.

    Wie dem auch sei: viel Ruhe erstmal und vielleicht klappt es mit der nächsten Idee ja besser. Das „Youtube für Podcasts“ ist nämlich gar keine so schlechte Idee (finde ich zumindest, bzw. ich hatte diese Idee auch schonmal vor einigen Jahren), aber bei diesem speziellen Medium ist das mit der Umsetzung nun nicht ganz so easy…

    Beste Grüße
    Kadda

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  4. Günter says:

    Hallo Jan,
    beachtlich deine Art so offen und umfangreich auch auf dieses Projekt einzugehen.
    Und wie es scheint bis du mit viel Mut und Optimismus an die Sache ran gegangen. Vllt ist dann doch etwas mehr Realismus für den Umfang eines derartigen Projektes nötig, wie auch die kommerzielle Seite besser auszubauen.
    Dein „Biss“ ist beachtlich, sicher eine gute Voraussetzung für deinen weiteren Weg.
    Lass dich nicht von den unqualifizierten, meist durch Neid und Missgunst hervorgerufenen Kommentare beeindrucken!
    Viel Glück auf deinem weiteren Weg!
    Günter

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