Steh wieder auf, wenn du in ein Loch fällst!

15 Sep
15. September 2018

Das Leben ist wie ein Roller Coaster. Jedes Leben ist anders gebaut. Beim einen gibt es einen Kickstart, das andere fährt erstmal unter null, bevor es bergauf geht. Diese Art der Bauweise geht während des ganzen Lebens immer weiter. Es gibt Hochphasen, in denen man das Gefühl hat, Berge versetzen zu können und dann kommt wieder ein Loch, in das es steil abwärts geht. Loopings und Twists nicht zu vergessen! Oder es gibt Löcher, die man sich selbst gräbt und tief in diese fällt – beinahe entgleist. Letzteres beschreibt vermutlich mein 2017 und 2018. Von der Euphorie, über die Hochphase, bis hin zu einem emotionalen (und körperlichen) Tiefpunkt, von dem ich mich viele Monate wieder erholen musste und muss, bis ich langsam wieder aufstehe und mich neuen Abenteuern widmen kann.

Wir schreiben den November 2016. Ich stehe Abends in der Küche. Das ist der Ort und die Zeit des Tages, beim Zubereiten des Abendessens, was meine Entspannung ist. Neben meinem Vollzeitstudium arbeite ich bis hin zu Vollzeit parallel als Freelancer. Viel Zeit für persönliche Themen bleibt nicht mehr und ich wusste, dass ich daran etwas ändern muss. Während des Kochens entdecke ich Podcasts als Medium, das mich mit dessen wunderbaren Geschichten begeistert. Ich höre spannenden Geschichten lieber zu, als sie zu lesen. Dabei entdecke ich jedoch auch zahlreiche Probleme des Mediums. Für Hörer, für Podcaster und insbesondere für Werbetreibende. Diese Entdeckung führt dazu, dass ich mit meinem Bruder den Markt erkunde und den Business Case durchrechne. Zu unserer Überraschung scheint es zu diesem Zeitpunkt kein „YouTube des Podcastings“ zu geben. Der Markt ist finanziell jedoch lukrativ, da er eine tendenziell gebildetere Zielgruppe als andere Medien anspricht. Daraus ergibt sich die Idee für Castrex, womit ich Vollzeit ab Februar 2017 beginne, wie ich in Lasst die Abenteuer beginnen! schrieb, und sich die bis dahin gut wachsenden Freelancer Zeit auf ein Minimum reduziert.

Vollzeit an einem Projekt arbeiten. Das bedeutet nicht nur, dass ich schlussendlich mein Studium ein Jahr lang weitestgehend auf Eis legen sollte. Es bedeutet auch, dass ein Berg an Arbeit vor mir liegen sollte. Allein aus technischer Perspektive hätte man für ein solches Projekt in einem finanzierten Unternehmen mindestens sechs verschiedene Rollen in der Softwareentwicklung besetzt. Web-, iOS-, Android, Backend-Entwickler, Big Data Analysten und IT Infrastruktur-Architekten. Manche dieser Rollen habe ich bereits zuvor über Jahre in anderen Projekten ausgefüllt, andere, wie die Entwicklung von Mobile Apps, waren mir gänzlich neu. Für mein Leben bedeutet dies, dass ich nicht nur Vollzeit daran arbeiten werden muss, sondern vollen Fokus darauf legen muss. Sechs bis sieben Tage die Woche, im Schnitt über elf Stunden am Tag.

Im Umkehrschluss bedeutete das, dass sich der Rest des Lebens danach richten musste. Ich habe meine Schlafenszeit nach Effektivität optimiert, mir ein tägliches effizientes Trainingsprogramm auferlegt, damit die Spastik meines Körpers nicht rebelliert, habe soziale Kontakte auf ein Minimum reduziert und Freizeit wurde von einer Nebensache zu etwas kaum noch existentem. Das alles tat ich, in dem von Anfang an bestehenden Bewusstsein, dass ich mich mit dieser mir selbst gegenüber radikalen Vorgehensweise auf einem dünnen Pfad bewegen würde, an dem ich etwas Großartiges erschaffen könnte, aber es mir genauso nicht mehr gut gehen könnte. Meine größte Sorge war dabei, dass es mir mit meiner Spastik nicht mehr gut gehen würde. Das hatte ich jedoch sehr gut im Griff und habe auch noch einmal etwas über meine körperlichen Bedürfnisse gelernt – jedoch habe ich meine sozialen Bedürfnisse unterschätzt.

Parallel zu meinem Castrex Projekt ergab sich über die unergründlichen Wege des Internets, dass ich eine junge Dame kennenlernte, die meine Aufmerksamkeit für sich gewinnen konnte. So entwickelte sich seit Juli 2017 langsam eine Beziehung. Anfangs noch in der Annahme, dass dies der wohl denkbar ungünstigste Zeitpunkt sei einen Menschen kennenzulernen, entwickelte sich dieses Zwischenmenschliche kennenlernen für mich über die Monate zu dem zweiten Pfahl in meinem Leben, der mir unheimlich wichtig wurde und den ich sogar der Arbeit an Castrex vorzog. Ohne an der Stelle detailliert darauf eingehen zu wollen, war das Kennenlernen ein langsamer und zäher Prozess, da von der Gegenseite sich nur zögerlich Zeit genommen wurde. Wurde sich Zeit genommen, dann aber mit voller Präsenz. Die wenige Zeit, die sich genommen wurde, war für mich ein willkommenes Austreten aus meiner sonst einfarbigen Welt.

Über den Winter verdunkelte sich die Lage meines Lebens jedoch aus mehrerlei Perspektiven. In den Monaten während ich an Castrex arbeitete ploppten zahlreiche Konkurrenten auf dem Markt auf und ein durchbrechender Erfolg schien signifikant unwahrscheinlicher zu werden, wie ich in Castrex: Entwicklung der Plattform und Einstellung der Weiterentwicklung erläuterte. Zugleich nagte die Arbeitsbelastung an mir. Von Dezember 2017 bis einschließlich Februar 2018 veränderte sich so z.B. mein Schlafrhythmus in eine kontraproduktive Richtung. Teils wachte ich gegen 4:00 Uhr auf und konnte nicht mehr schlafen. Zeit zu arbeiten, hieß es dann! Es ging an die Substanz der Energie, die ich aufwenden konnte, ohne mir ausreichend Pausen zu gönnen, um das gigantische Projekt im Alleingang auf die Beine zu stellen. Nach über zehn Monaten war aufgeben keine Option mehr, sondern ich wollte es fertigbringen! Zugleich entwickelte sich die Beziehung nicht so, wie etwas das ich als Beziehung begreife. Ich versuchte im Dezember, als auch im Januar das Gespräch zu suchen und erhielt zu dem Zeitpunkt Feedback, dass der Gegenseite bekannt sei, dass sie sich noch nicht ganz so voll einlasse, aber dass sich das bestimmt bald ändern würde.

Gegipfelt ist das Loch ausheben und das anschließende hineinfallen im Februar 2018. Ich habe Castrex gelauncht. Im Alleingang, was bedeutete, dass ich technische Belange, Troubleshooting, Marketing und PR-Arbeit, rechtliche Probleme und alles andere als One-Man-Show schaukelte. Währenddessen war ich körperlich wie auch emotional-sozial definitiv über meine persönliche Belastungsgrenze gegangen und habe körperliche Signale bewusst ignoriert. Das Feedback auf Castrex war von einigen Teilen der deutschsprachigen Podcast Szene zudem wenig sachlich und auf persönlicher Ebene beleidigend, was im Zuge meines Gesamtzustandes an mich auch herankam, anstatt wie bei vorherigen Projekten einfach abzuprallen. Dem nicht genug beendete sich von der anderen Seite via WhatsApp mit anschließender Kommunikationsverweigerung die Beziehung zu dem Mädel in just diesen Tagen.

Die beiden Säulen, auf die mein Leben baute, waren von jetzt auf gleich beide weg. Einfach weg!

Da war es also. Das große Loch, von dem mir bewusst war, dass ich es mir grabe, um dort etwas Hübsches hineinzubauen. Doch anstatt darin etwas Hübsches aufgebaut zu haben, stürzte ich geradewegs in dieses hinein.

Den März 2018 nutze ich noch dazu, notwendige Arbeiten an Castrex zu erledigen und danach begann eine Zeit voller Leere, Sinnlosigkeit und Kraftlosigkeit, wie ich sie noch selten zuvor in meinem bisherigen Leben in der Form hatte. Ich stand die vergangenen Monate jeden Tag auf, machte irgendetwas unter Tags um meinen Pflichten nachzukommen und ging wieder schlafen. Sich auf Code zu konzentrieren ging auf einmal nicht mehr. Ganz ehrlich: Ich kann von April, Mai und Juni dieses Jahres euch nicht erzählen, was genau ich mit meiner Zeit angefangen habe. Es war ein „Tag ein Tag aus“ leben. Ein Leben, das an mir gefühlt vorbeizog. Trotzdem ich mich aus meinem Kopf heraus darum bemühte, dass es nicht zu dem wird. Ich ging regelmäßig unter Leute, da ich weiß, das Verkriechen keine Lösung ist. Doch dies gab nur für den Moment Perspektive und war im nächsten Moment schon wieder vorbeigezogen.

Vielleicht nennt man diesen Zustand Burnout. Oder vielleicht war ich hart an der Grenze zu einem Burnout. Letztlich egal. Ich kann euch auf jeden Fall sagen, dass es alles andere als ein erstrebenswerter Zustand ist.

Der Weg aus einem solchen Loch heraus ist kein einfacher. Insbesondere, wenn man über ein Jahr seine sozialen Kontakte bewusst vernachlässigt hat und somit an der Stelle richtigerweise, der sein muss, der sich bemühen muss, anstatt dass die anderen auf einen zugehen. Aus dem Loch herauszusteigen muss man an der Stelle aus eigener Kraft wieder schaffen. Ich sage liebend gerne den Satz, dass wenn du auf die Schnauze fällst, du wieder aufstehen musst. Und in diesem Prozess befinde ich mich aktuell, denn ich bin auf die Schnauze gefallen. Ich versuchte mir in den vergangenen Monaten so viel Zeit wie möglich für soziale Kontakte zu nehmen, mich in neue Kreise von Menschen einzubringen und neue Menschen in meinem Leben zu finden, alte Hobbys wieder aufleben zu lassen und mich auf neue Hobbys einzulassen, die nichts mit meinem beruflichen Umfeld zu tun haben.

Es ist ein Prozess, in dem ich seit Anfang Juli das Gefühl habe, Schritt für Schritt den Rand des Loches wieder zu erklimmen und zu neuem Land aufbrechen zu können, um etwas Neues auszuprobieren. Wieder aufzustehen, den eingesammelten Dreck wegzuwischen und neu anzufangen. Mit überdachten Prioritäten, was mir in meinem Leben wirklich wichtig ist – und wo meine Grenzen liegen, die ich respektieren sollte.

In der Summe wird mir das große Abenteuer Castrex vermutlich nicht ein Jahr meines Lebens in Anspruch genommen haben. Es werden zwei Jahre sein, bis ich – ganz abseits von fachlichem Wissen, das ich mit dem Projekt wesentlich erweitern konnte – emotional wie von meiner Energie auf solchen Beinen stehe, auf denen ich zuvor stand. Vielleicht werden es dann aber etwas veränderte Beine sein, mit denen ich die Welt versuche ein klein wenig zu verändern.

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9 Antworten
  1. Daniel says:

    Hi Jan,

    danke für den tollen und sehr ehrlichen Text!

    Ich hoffe, dass es ab jetzt wieder steil bergauf geht für dich!👍

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  2. Luke says:

    Wow, krasse ehrliche Geschichte. Sehr beeindruckend, wie reflektiert du mit Dirselbst, deinen körperlichen Bedürfnissen und körperlichen Symptomen umgehst.

    Wünsche Dir, dass Du nicht nochmal durch so eine Phase gehen wirst und dass das mit der Liebe an Priorität gewinnt und Erfolg hat.

    Ich kann vieles sehr gut nach vollziehen und habe selber ähnliches Erlebt. Wenn Du mehr Austausch möchtest, können wir gerne in Schriftkontakt kommen.

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    • Jan Karres says:

      Danke für deine leben Worte, Luke. Na wer noch einmal wagt, der wird bestimmt noch einmal durch solche Phasen gehen, denn diese gehörten wohl zum Leben dazu. Nur dieselben Fehler denke ich sollte ich nicht noch einmal machen, weshalb die Selbstreflexion in meinen Augen ein wichtiger Prozess ist.

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  3. Tom says:

    Hi Jan,

    danke für die ehrliche, offene Erzählung. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass du hier extrem reflektiert und analytisch heran gehst und das hilft dir sicher mit den Enttäuschungen umzugehen.

    Persönlich wünsche ich dir auf beruflicher und privater Ebene alles Gute. Als jemand mit einigen Lebensjahrzehnten auf dem Buckel kann ich dir andererseits sagen, dass das die Dinge sind, die einen im Rückblick weiter gebracht haben, auch wenn sich das noch anders anfühlt. Ich hoffe mal das klingt jetzt nicht neunmalklug/von oben herab.

    Alles Gute, pass auf Dich auf,
    Tom

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    • Jan Karres says:

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Tom. Ich würde nicht sagen, dass es eine (große) Enttäuschung ist, mit der umzugehen ist, denn von Beginn an war klar, dass dieses Projekt eine all or noting Idee in einem the winner takes it all Markt ist. Entsprechend war es ein absehbares Szenario. Die Ausprägung beeinflusst man nur und an dieser glaube ich ist Reflektion wichtig, um nicht dieselben (persönlichen) Fehler beim nächsten Anlauf wieder zu machen.

      Aus der kleinen Lebenserfahrung meines bisherigen Lebens heraus, dass nicht weit nicht immer Kantenlos war, weiß ich auch, dass scheinbar negative Dinge im Rückblick sehr positive Seiten haben. Eine davon spüre ich heute schon. Die Menge und Qualität der Jobanfragen an meiner Person hat sich seit Anfang des Jahres in eine wesentlich positive Richtung verändert. Von dem her keineswegs neunmalklug, sondern etwas, dass ich behaupten mag selbst schon erlebt zu haben (und für deren Erfahrungen ich großteils wirklich dankbar bin).

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  4. mbs says:

    Hej Jan, ich kenne deinen blog seit den raspberry-Tagen. Ich wünsche dir alles Gute! Viel kraft!

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  5. Axel Richter says:

    Interessant verfasst. Gefällt mir deine offene Art. Ja diese Achterbahn hat jeder irgendwie und immer bisschen anders. Du hast das Zeug Jan. Wer suchet der findet. Beste Grüße Axel

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